Konzertkritik

Wagners "Rheingold" vom Ensemble der Herzen

| Lesedauer: 3 Minuten
Joachim Mischke
Im Live-Stream am Freitag: Eine gestraffte Version der Wagner-Oper mit deutlich weniger Figuren.

Im Live-Stream am Freitag: Eine gestraffte Version der Wagner-Oper mit deutlich weniger Figuren.

Foto: engerfoto

Christian Poewe brachte im Live-Stream eine Studenten-Version auf die Bühne der Musikhochschule: wenig Mobiliar und wenig Personal.

Hamburg. Mut haben sie ja. Andererseits, was hat das Produktionsteam dieser Opern-Inszenierung ernsthaft zu verlieren, erst recht jetzt, wo nichts geht? Eine Studenten-Version vom „Rheingold“ auf die Forums-Bühne der Hamburger Musikhochschule zu bringen, handlungsgestrafft und mit einem Klavier als Ein-Mann-Orchester-Ersatz – diese Idee ist so ehrgeizig, dass man eigentlich nur gewinnen kann, und sei es als Ensemble der Herzen, belohnt schon durchs wackere Wagner-Wagen.

Die Premiere hätte schon im letzten Frühjahr sein sollen, mit großem Symphoniker-Tutti, aber dann… Der Rest wurde Schweigen, zwangsverordnet, bis zum Live-Stream am Freitagabend, vor Kameras und mit sehr wenigen Anwesenden im Off, die am Ende für reale Applaus-Portiönchen sorgten.

Rheingold: Regisseur Poewes Überehrgeiz gab sich mit Beginn des Vorspiels

Wie es sich für eine ausgewachsenere Wagner-Premiere gehören würde, passierten auch hier einige Dinge als Regie-Ansätze auf der Bühne, bei denen man das gute alte, leicht verwirrte „Ah ja, ganz schön… aber: warum!?“ herausholen kann. Die 15 Minuten Prolog mit Portionen aus Webers „Freischütz“ hätte es nicht dringend gebraucht, um Alberichs Psyche und sein Leiden an den stichelnden Rheintöchtern zu enträtseln.

Regisseur Christian Poewes leichter Überehrgeiz gab sich aber mit Beginn des Vorspiels, als sich mit ein Stück Welt öffnete. Und weil der Nachwuchs nicht gegen ein komplettes Orchester ansingen musste, sondern einzig der Zeichensprache von Willem Wentzel und Siegfried Schwab zu folgen hatte, litt die Stimm-Kondition weniger als unter normaleren Umständen. Dass im Klavierpart hin und wieder beherzt knapp danebengegriffen wurde, war im Eifer des Gesangs verschmerzbar.

Minimalismus auf der Bühne

Ein wirklich unsichtbares Orchester also im Graben, dazu ein fast unvorhandenes Bühnenbild von Wiebke Horn und Karlotta Matthies, das gerade mal aus einigen Käfigen und abstrakten Sitzelementen bestand. Walhall wurde lediglich angedeutet, der Götter-Clan erhielt seine Pflicht-Requisiten Speer oder Hammer. Mehr nicht. Genügt ja auch.

So toll gezeichnete Märchen-Stündchen wie dieses kommen auch mit wenig Mobiliar aus, und mit weniger Personal: Eine Freia gab es nicht, die für den Plot nicht ganz unwichtigen Riesen Fasolt und Fafner fehlten unentschuldigt, vielleicht, weil es bei den mitwirkenden Studierenden der Opernklasse gerade keine passend dröhnenden Bässe gab.

Lob für das praktizierte „Trotzdem“ dieser Spezial-Premiere

Doch auch mit dem vorhandenen Figuren-Sortiment machte es durchaus Spaß, dem strammen Erzählstrang zu folgen und zu hören, wie engagiert und tapfer sich das junge Ensemble seinen Aufgaben stellte und Spaß am Spiel hatte. Ein Wotan-Auszubildender mit Potenzial war Laurence Kalaidjian, auch der Loge von Noah Schaul hatte beeindruckende Passagen. Feng Suns Alberich ließ mitunter noch erahnen, was in dieser Partie steckt.

Die drei Rheintöchter (Natalija Valentin, Lanlan Zhang und Nora Kazemieh) bildeten eine sehr hörenswerte Familien-Bande. Kehan Zhao hatte als Erda nicht allzu viel zu singen, doch das hatte Format und Ausdruckskraft. Während der Online-Premiere zeigte der mitlaufende Youtube-Zähler 224 Aufrufe, acht Daumen hoch und keinen nach unten. Jede einzelne digitale Äußerung ein Ansporn und ein höchst verdientes Lob, für das praktizierte „Trotzdem“ dieser Spezial-Premiere.

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