Stream-Kritik

Lessingtage: Von Freiheiten und Freizügigkeiten

| Lesedauer: 3 Minuten
Szene aus „Una“ dem Teatre Lliure in Barcelona.

Szene aus „Una“ dem Teatre Lliure in Barcelona.

Foto: Silvia Poch

Festival-Endspurt mit Streams aus Barcelona, Paris und Budapest. Zwei sind ausgesprochen sehenswert.

Hamburg.  Eine blonde Frau tanzt in einem Wohnzimmer. Die Filmqualität verrät einen Zeitpunkt in den 1960er- oder 1970er-Jahren. Über ihren bloßen Leib hat sie nur eine Bluse geworfen. Die Performerin auf der Bühne vor der Leinwand scheint auf den ersten Blick nichts mit der Darstellung zu tun zu haben, bei genauem Hinsehen erkennt man: Es ist ihr früheres, jüngeres Ich. Die Inszenierung „Una (Eine Frau)“ in der Regie von Raquel Cors aus dem Barcelonaer Teatre Lliure verhandelt Dokumentarisches aus der Biografie der Schauspielerin Eva Lyberten. Heute ist sie reife 60 Jahre alt, früher aber liebte sie die Freiheit und die Freizügigkeit – auch beruflich. Erotische Aufnahmen oder gar Filme? In der Franco-Zeit in Spanien verpönt. „Una“ setzt am 28. Januar einen starken Akzent an den letzten Tagen der diesjährigen Stream-Lessingtage am Thalia Theater.

Die Inszenierung, eine Collage aus Text, Saxophon-Spiel und Video, ruft Bilder von Ekstase, Verzweiflung, auch Bedrohung auf. Sie schildert Biografisches aus der ländlichen Nachbarschaft, in der Eva Lyberten aufwuchs. Und wie sie im Prado in Madrid ein Gemälde von Adam und Eva sah und fasziniert war von der Nacktheit. Die Beglaubigung durch das Dokumentarische hat eine starke Wirkung, auch wenn das Individuelle sich nicht immer ins Universelle weitet. Eva Lyberten Weg ist auch eine Flucht aus der Enge des Katholizismus, der Repression, des Frauenbildes unter Franco, nach dem Frauen bescheiden und unterwürfig zu sein hatten. Die Inszenierung verschweigt aber auch Übergriffe und das Ende der Freizügigkeit durch Drogen und HIV nicht.

Minimalistische Bühne

Indirekt erzählen auch Daria Deflorian und Antonio Tagliarini in ihrem Vier-Personen-Stück „Der Himmel ist keine Kulisse“ (30.1., 19 Uhr) vom Pariser L’Odéon – Théâtre de l’Europe Biografisches. Sie begegnen einander auf nahezu leerer Bühne, alle tragen Grau. Und auf einmal erinnern sie sich, wie sie einander einst mit kindlicher Neugier begegnet sind. Nun leben sie in einer Gegenwart, in der das Außen umständehalber nach Innen verlegt ist. Auf maximal minimalistischer Bühne erzählt das seit 2008 zusammenarbeitende Autoren-Spielerduo von scheinbar und manchmal auch wirklich banalen Beobachtungen, Begebenheiten, Gefühlen, die auch und gerade diese unsere seltsame Zeit beschreiben.

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Zu guter Letzt lässt die ungarische Variante von Henrik Ibsens „Nora“ (31.1., 19 Uhr) in einer Version des Katona József Szinház aus Budapest zwar inhaltliche Dringlichkeit verspüren. Schließlich sind in Ungarn Freiheitsgelüste von Frauen, denen eine klassisch dienende Rolle zugeschrieben wird, derzeit wieder besonders ungern gesehen. Trotzdem kommt die Inszenierung „Nora – Weihnachten bei Helmers“ von Kriszta Székely arg konventionell und altbacken daher. In realistischer Kulisse wird die in einer Ehe und einer alten Schuld gefangene Nora zu einer Männerprojektion. Bis sie sich nach viel Grübelei befreit.

Streams: „Una“ 28.1., „Der Himmel ist keine Kulisse“ 30.1., „Nora“ 31.1., jew. 19 Uhr bis Mitternacht verfügbar; www.thalia-theater.de

( asti )

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