Bildband

Als Hamburg Deutschlands Punk-Hauptstadt war

Andreas Dorau („Fred vom Jupiter“) bei einem Konzert im Onkel Pö.

Andreas Dorau („Fred vom Jupiter“) bei einem Konzert im Onkel Pö.

Foto: Sabine Schwabroh

Der wunderbare Bildband „Hamburg Calling“ erinnert an legendäre Konzerte, Bands und Szenegrößen der späten 70er- und frühen 80er-Jahre.

Hamburg.  „Auf der einen Seite von der Bühne stand ein Matrose, der mir den ganzen Auftritt über immer wieder seine Faust zeigte und rief ,Ich hau dir auf die Fresse’ – also sang ich lieber zur anderen Seite“.“ Wenn der spätere Toten-Hosen-Sänger Campino sich an seinen ersten Hamburg-Auftritt erinnert, dann auch an diese Szene in der Markthalle, als er dort mit seiner damaligen Band ZK im Sommer 1979 auftrat. Eine der viele schönen Anekdoten in „ Hamburg Calling – Punk, Underground & Avantgarde 1977-1985“ von Alf Burchardt und Bernd Jonkmanns. Ein Buch, das eine Zeit wieder lebendig werden lässt, in der Hamburg bundesweit musikalisch den Ton angab.

Als Bier getrunken wurde, fuhr Andreas Dorau nach Hause

Viele der Protagonisten von damals kommen hier zu Wort, neben Campino auch „Punk-Papst“ Alfred Hilsberg, der mehrere heute legendäre Festivals in der Markthalle veranstaltete und später das Label Zickzack gründete, auf dem Bands wie Abwärts und Einstürzende Neubauten veröffentlichten. Oder Klaus Maeck, der den Plattenladen Rip Off an der Feldstraße betrieb und Timo Blunck, dessen Dada-Band Palais Schauburg mit Nummern wie „Grünes Winkelkanu“ und „Morgen wird der Wald gefegt“ für fröhliche Verwirrung sorgte.

Herrlich ist ein Interview mit Andreas Dorau, dem mit „Fred vom Jupiter“ pünktlich zum Durchbruch der Neuen Deutschen Welle ein Hit gelang und dem es gar nicht so leicht fiel, sich mit gerade mal 15 Jahren in der Hamburger Underground-Szene zurecht zu finden. Über seinen ersten Auftritt sagt er: „Hinterher standen alle rum und tranken Bier, die waren alle zehn Jahre älter als ich. Da bin ich mit der Bahn nach Hause gefahren.“

Pflichtkauf für alle, die damals dabei waren

Interessant zu lesen, was aus den Szene-Größen von einst geworden ist: Clemens Grün, stets ganz in weiß gekleideter Betreiber des kir zunächst in Poppenbüttel, dann in Altona, ist etwa Vorstand des Hamburger Taxenverbands. Buttocks-Sänger Mike Stanger handelt heute mit Nutzfahrzeugen und Baumaschinen. Viele andere sind weiterhin in ganz unterschiedlichen Kulturbereichen aktiv.

Herzstück dieses Pflichtkaufs für alle, die damals dabei waren und das ein oder andere Konzert selbst erlebt haben, sind aber natürlich die wunderbaren historischen Fotos, zu einem überwiegenden Teil aufgenommen von Sabine Schwabroh, die stets mittendrin war und nicht nur Musiker fotografierte, sondern auch Fans in und vor Läden wie dem Krawall 2000, der Marktstube oder dem Versuchsfeld.

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U2 vor 50 Besuchern im Onkel Pö

Und da gibt es neben Hamburg-Gewächsen wie Xmal Deutschland, Geisterfahrer oder Die Zimmermänner auch internationale Größen zu sehen, deren allererste Hamburg-Auftritte hier dokumentiert sind: ein ausrastender Nick Cave im Versuchsfeld, die später Fußballstadien füllenden U2 vor 50 Besuchern im Onkel Pö – groß! Auch einige Skandalkonzerte finden sich hier: The Clash 1980 in der Markthalle, als Gitarrist Joe Strummer nach handfesten Auseinandersetzungen mit dem Publikum verhaftet wurde, oder das Aufeinandertreffen der Dead Kennedys und Slime 1982 in der Harburger Friedrich-Ebert-Halle, als die Bestuhlung hinterher ein Fall für den Recyclinghof war. Fotos von Konzerttickets und wichtigen Platten dieser Zeit runden das Ganze ab.

Natürlich ist die Hamburger Punk-, Underground- und Avantgarde-Geschichte damit noch nicht auserzählt, der Experimentalbereich um Künstler wie Asmus Tietchens und Plattenladenbesitzer Uli Rehberg (Unterm Durchschnitt) kommt insgesamt zu kurz, aber vielleicht ist das ja ein Thema für einen Folgeband, den man sich nach der letzten Seite von „Hamburg Calling“ sehnlich wünscht.