"Power Up"

AC/DC: Dieses Album geht voll auf die Zwölf

AC/DC-Gitarrist Angus Young gibt immer noch den bösen Buben. Nun hat die Band nach sechs Jahren ein neues Album herausgebracht.

AC/DC-Gitarrist Angus Young gibt immer noch den bösen Buben. Nun hat die Band nach sechs Jahren ein neues Album herausgebracht.

Foto: Jan Woitas / dpa

Einer tot, einer des Auftragsmords verdächtig, einer taub: Mit „Power Up“ zeigt AC/DC, wie lebendig die Band nach 47 Jahren noch ist.

Hamburg.  Zwei alte Männer, die in Waldorf-und-Statler-Manier auf Sesseln hocken und über die eigenen Witzchen lachen. Ein vorab veröffentlichtes Werbevideo zum neuen AC/DC-Album „Power Up“ ließ Schlimmes befürchten: Die Selbstdemontage großer Jugendhelden, denen man ein mitleidiges „Hättet ihr es doch besser gelassen“ zurufen möchte.

Doch wer Studioplatte Nummer 17, die erste seit sechs Jahren, auflegt, ist sofort beruhigt. Mag das Haar auch lichter und der Gang schwerfälliger sein, mögen die Falten sich noch tiefer in die zerfurchten Gesichter gegraben haben – so ein Rock ‘n’ Roll-Leben fordert schließlich seinen Tribut –, wenn das erste Riff aus den Boxen knallt, ist alles wie immer. Und für Millionen AC/DC-Fans dürfte das die denkbar beste Nachricht sein.

AC/DC mit seit Jahren völlig austauschbaren Alben, aber...

Natürlich ist dies in gewisser Weise die langweiligste Band der Welt mit seit Jahren völlig austauschbaren Alben. Andererseits: Warum an der perfekten Adrenalin-Ausschüttungsformel herumdoktern, wenn man sie einmal gefunden hat? Und so ballert „Power Up“ (treffender Titel!) ebenso wie 2008 „Black Ice“ und 2014 „Rock Or Bust“: immer sofort zur Sache kommen, immer voll auf die Zwölf – für Komplexität sind andere zuständig.

Die Songs tragen Titel wie „Shot In The Dark“, „Kick You When You’re Down“ und „Demon Fire“, textlich wird das übliche, sehr schmale Feld abgegrast: heiße Frauen und coole Kerle, fröhliches Gaspedal-Durchtreten auf dem Highway, Partys feiern, als gäbe es kein Morgen. Und natürlich: Wer nach Ärger ruft, bekommt ihn auch. Im Ergebnis Jungsmusik, die heute noch genauso gut funktioniert wie vor 47 Jahren, als Gitarrist Angus Young erstmals in Schuluniform und mit umgeschnalltem Tornister über die Bühnen fegte.

Corona macht auch vor Hardrock-Göttern nicht halt

Genau das ist es, was nun leider fehlt: Das Stadionerlebnis mit Zehntausenden, die bei den Glockenschlägen von „Hells Bells“ kollektiv ausrasten, die „Highway To Hell“ aus bierseliger Kehle mitgrölen und zu „Thunderstruck“ die Fäuste gen Abendhimmel recken, aufgepeitscht vom Vier-Akkorde-sind-einer-zuviel-Dauerfeuer. In dieses Klassiker-Umfeld hätten sich ein paar der neuen Songs prima eingefügt, doch Corona macht eben auch vor Hardrock-Göttern nicht halt.

Wobei es ohnehin an ein Wunder grenzt, dass AC/DC es noch einmal ins Studio geschafft hat: 2014 musste Gitarrist Malcolm Young (1953-2017), der nach langem Alkoholmissbrauch an Demenz litt, die Band verlassen, im selben Jahr geriet Schlagzeuger Phil Rudd wegen des Vorwurfs, er haben zwei Morde in Auftrag gegeben in die Schlagzeilen, 2015 wurde eine US-Tour abgebrochen, weil Sänger Brian Johnson völlige Taubheit drohte. Und dann packte auch noch Bassist Cliff Williams seine Sachen.

Dass die Überlebenden nun wieder zusammen gefunden haben, ist eine gute Nachricht, ist doch für die ganz großen Stadienfüller wie Iron Maiden, Judas Priest, Metallica, Kiss und eben auch AC/DC schlicht kein adäquater Ersatz in Sicht. Und Jugendhelden werden eben immer gebraucht. Auch wenn wir – zugegeben – selbst schon eine ganze Weile nicht mehr so richtig jung sind.