Hamburg

Der letzte Tango zur Geisterstunde im Schauspielhaus

Premiere in Hamburg am Schauspielhaus: Geschichten aus dem Wiener Wald von Ödön von Horváth.

Premiere in Hamburg am Schauspielhaus: Geschichten aus dem Wiener Wald von Ödön von Horváth.

Foto: Arno Declair

Premiere im Livestream geglückt: Heike M. Goetze inszeniert Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ als formstarkes Endspiel.

Hamburg.  Das gibt es jetzt auch. Eine Schauspielhaus-Premiere vor leerem Saal. Die über 1000 angemeldeten Zuschauer verfolgen sie vor dem heimischen Bildschirm. Aber extreme Zeiten verlangen mitunter nach neuen Kunst-Wegen. Die Livestream-Premiere von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in der Regie von Heike M. Goetze ist eine echte Geistervorstellung. Ein Experiment.

Gespenstisch geht es bald auch auf der Bühne zu. Die erste Viertelstunde mit einer Tonspur aus knarzenden Sounds (Musik: Fabian Kalker) zieht den Betrachter mitten hinein in einen Alptraum, mit gehäckselten Ästen, Wasserrauschen und Akteuren, die zombiehaft herumschleichen und nur ab und zu ein irres Lachen ausstoßen. Goetze, die erstmals am Schauspielhaus inszeniert und auch Bühne und Kostüme entworfen hat, präsentiert sich als radikale, überaus konsequente Ästhetin. Traurige Zweige hängen kopfüber von der Decke, Schweinehälften stapeln sich im Hintergrund, die aufgereihten Kirchenbänke wirken eher bedrohlich statt tröstlich.

Premiere im Hamburg Schauspielhaus im Livestream

Ödön von Horváth beschreibt in seinem 1931 uraufgeführten Klassiker des modernen Dramas eine dem Untergang geweihte Welt. Die Zwischenkriegsjahre, die in einen entsetzlichen Krieg münden. Hier weichen sie einer universellen Zeitlosigkeit.

Die Figuren tragen volkstümliche Kittel, wild aus Blumen- und Tierprints gemixt, außerdem Kopf- und Gesichtstücher, die an Fechtvisiere erinnern. Es gibt ihnen etwas durchweg Künstliches, Enthumanisiertes. Sie sind bloße Träger von Bewusstsein, allerdings eines verrohten, sehr reduzierten, fast tierischen Bewusstseins. Man hat genügend Zeit, um das auf sich wirken zu lassen. Doch schon bald befällt einen die Ahnung, dass dieser Bildschirm-Abend für ungeübte Theaterzuschauer kein leichter Einstieg wird.

Zauberkönig einer insolventen Puppenklinik

Josef Ostendorf in Tigershirt und Wollpuschen bringt Bewegung in die erstarrte Szenerie. Als Zauberkönig, Inhaber einer insolventen Puppenklinik und herrischer Vater kneift er seine laut aufheulende Tochter Marianne. Wie entkernt wirken die Sätze, die er ausstößt. „Niemals die Autorität verlieren. Abstand halten. Patriarchat, kein Matriarchat.“ Der Text ist eine einzige Abräumhalde der Brutalität. Marianne trägt bei Eva Maria Nikolaus noch die Lebensgier der Jugend in sich. Und lässt manchmal aufmüpfig ihren schrillen Sopran flöten. Verhärtet wirkt aber auch sie schon, wie sie da zunächst schlaff auf der Bank hängt und sich dann dauernd waschen muss.

Mit dem blassen Fleischermeister Oskar (Jan-Peter Kampwirth) soll sie Verlobung feiern. Doch der hockt die ganze Zeit auf der Klo-Schüssel. Die arrangierte Romanze soll nach dem Willen des Vaters die schlingernde Puppenklinik retten. Durchweg drastisch deklamieren die Figuren die Horváth-Sätze, agieren mit der Heftigkeit ihrer Verzweiflung, das Milieu ist spürbar und zugleich aufgelöst.

Hier ist keine Hoffnung, nirgends

Sehr expressiv spielt Julia Wieninger die wohlhabende Mathilde, deren Liebhaber Alfred sich der jüngeren Marianne zuwendet, was sie an den Rand der Hysterie treibt. Daniel Hoevels gibt den routinierten Verführer und Taugenichts Alfred mit emotionsloser Einsicht in die eigene moralische Verkommenheit: „Eine rein menschliche Beziehung wird erst dann echt, wenn man was voneinander hat.“ Und doch schwingen Marianne und Alfred ihre Arme bald in einem seltsam distanzierten Liebesakt. Die Inszenierung verweigert sich in ihrem starken Formwillen einer leichten Zugänglichkeit. Aber auch der Inhalt hat es in sich.

Die Dinge spitzen sich zu, als Marianne Oskar für Alfred verlässt, schwanger wird, sich über das Kind freut, es aber dennoch grausam verlieren wird. Der Abstieg Mariannes ist gewaltig gestrafft. Ihre Emanzipationsgeschichte ist in dieser Welt, in der wie aus einer fernen Welt noch Fetzen des Donau-Walzers herüberwehen, zum Scheitern verurteilt. Doch sie kämpft trotz allem um Eigenständigkeit.

Live-Kamera im Theater

Goetze inszeniert diese Bruchstelle als einen exzessiven letzten Tango. Jeder tanzt für sich allein, nur die vielseitig begabte Eva Maria Nikolaus legt nunmehr unmaskiert und schwarz kostümiert einen Ausdruckstanz hin. Das hat filmischen Gewinn, weil nun auch die Live-Kamera (Marcel Didolff, Antje Haubenreisser, Peter Stein, Florian Dermastia) auf der Bühne zum Einsatz kommt, man dicht an die Figuren heranzoomt und die übereinander geblendeten Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer traumartig ineinanderfließen (Schnitt: Alexander Grasseck).

Die Frauen wie die am Ende verstummte und sich doch entziehende Marianne und die desillusionierte Mathilde („Jetzt wird hier versöhnt und basta“) dominieren das Geschehen. Gegen die markigen Sprüche vom Patriarch Zauberkönig („Mit oder ohne Kultur, Krieg ist ein Naturgesetz“) und auch von Oskar („Du entkommst meiner Liebe nicht“) ist schwer anzugehen. Am Ende hockt das Personal aufgereiht auf der Kirchenbank und landet bei der Horváth-Erkenntnis „Gottes Mühlen mahlen langsam“. Auch die der Emanzipation. Hier ist keine Hoffnung, nirgends.

Im virtuellen Raum gerät die Inszenierung dort an Grenzen, wo angesichts der verhüllten Gesichter auch die Stimmen schwer zuzuordnen sind. Sie gewinnt, wenn sie den Zuschauer nah an die Figuren heranführt. Das tolle Ensemble bewegt sich innerhalb dieses eindringlichen Konzeptes mit erstaunlicher Souveränität. Es berührt bei aller Gesichtslosigkeit und Puppenhaftigkeit. Eine baldige Live-Premiere ist dieser unerbittlich eigenwilligen Inszenierung sehr zu wünschen.

„Geschichten aus dem Wiener Wald“ Infos über geplante weitere Geistervorstellungen demnächst unter www.schauspielhaus.de