„Disco“

Kylie Minogues neues Album – mehr Homeoffice als Küchenparty

Kylie Minogue hat pandemiegerecht im Homeoffice ein neues Album produziert.

Kylie Minogue hat pandemiegerecht im Homeoffice ein neues Album produziert.

Foto: Denys Dionysios

Auf ihrem Album „Disco“ besinnt sich Kylie Minogue auf ihre alten Dance-Pop-Stärken, lässt aber Esprit vermissen.

Hamburg. Die Geburtstagsfeier vor ein paar Jahren bei einer Kollegin in Eimsbüttel begann wie ein Horrorfilm. Erst die Idylle, dann die Apokalypse. Erst der Nudelsalat, die Weinschorle ohne Eis und Rhabarber-Gelaber über Mantel-Tarifverträge, dann die Eskalation. Kylie Minogue sang „Can’t Get You Out Of My Head“, alle anderen sangen „La, la, la, la-la, la-la-la“. Warum wir von einer Minute auf die andere übermütig-hastig Sofas, Stühle und Tische verrückten und der Lautstärke-Regler hochgerissen wurde wie Flugzeug-Gashebel beim Notfall-Durchstarten, lässt sich nicht mehr erklären. Knutschskandale, Schnapsglasklirren, gebrüllte Wünsche an den Amateur-DJ, der verzweifelt auf dem Handy die Songbibliothek durchwischte. A night to remember, von der das meiste vergessen wurde. Diese Abende lösen sich aus dem Gedächtnis wie die Etiketten der in der Badewanne dümpelnden Bierflaschen, aber irgendwas bleibt immer haften.

Auch Kylie Minogue liebt diese spontanen Sausen: „Der beste Dancefloor entsteht immer dann, wenn du vorher die Möbel wegschieben musst. Das sind diese Abende im kleinen Kreis, an denen du gar nicht geplant hattest zu tanzen. Und dann hörst du es auch schon quietschen, weil einer das Sofa wegschiebt“, erzählte die australische Sängerin kürzlich im Interview mit „Kulturnews“. Zwar sind Küchenpartys derzeit nur auf Markus-Söder-Art erlaubt („Sie können ja zu Hause mit Ihrer Partnerin tanzen“), aber Kylie liefert mit ihrem jetzt erschienenen neuen Album „Disco“ den Soundtrack dafür.

Mit "Disco" ist Kylie Minogue wieder da, wo sie hingehört

Auf dem Vorgänger „Golden“ probierte sie vor zwei Jahren mal etwas Neues aus und wilderte im Country-Pop-Revier von Taylor Swift. Aber trotz erster Chartsplätze und ordentlichen Streams in ihren Kernmärkten Australien und Großbritannien haben ihr viele Kritiker und Fans den Ausflug in die Western-Prärie oder besser ins Folk-Outback nicht abgenommen. Aber nun ist Kylie auf „Disco“ im Wortsinn wieder da, wo sie hingehört. „Shake it on the floor now, like Studio 54 now.“

Ein Dutzend Lieder schlägt den Bogen von den Discostars der 70er- und 80er-Jahren zu den Großraum-Lieblingen von heute. Abba, Chic, Donna Summer, die „The Loco-Motion“-Kylie, Madonna, Dua Lipa. Alles da. Pluckernde Bässe, Nile-Rodgers-Gitarren, Piano, Streicher und diese komischen elektronischen Schlagzeug-Abgänge, die irgendwie immer wie Die Flippers klingen.

Alle Zutaten finden sich auf „Disco“, aber trotzdem zündet das Album nur selten. Es ist, als würde man 45 Minuten am Rand der Tanzfläche stehen und vergeblich auf einen Hit wie „Can’t Get You Out Of My Head“ warten. Irgendwann kommt dann der klassische Disco-Dreisatz: Geh ich jetzt einfach auf den Floor und drehe lustlos ein paar Runden? Vergesse ich meine restliche Menschenwürde und wünsche mir – o Gott – etwas beim DJ? Oder gehe ich jetzt nach Hause? Taxi!

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„Disco“ ist pandemiegerecht in Hausarbeit entstanden

Zu Hause ist auch „Disco“ entstanden. Einen Großteil des Gesangs und viele Details hat Kylie selber in ihrem Heimstudio eingesungen und produziert. Mit ihrem – für heutige Zeiten üblich – unübersichtlich großen Kreativteam aus Produzenten, Arrangeuren und Textern (Sky Adams, Teemu Brunila, Biff Stannard, Lisle Campbell) arbeitete sie virtuell. Auch die Videos zu „Say Something“ und „Magic“ hielten brav die Abstände ein. Vielleicht ist das ein Grund, warum „Disco“ sehr kalkuliert und etwas freudlos klingt, mehr nach Homeoffice als nach Küchenparty. Mann muss Kylie nicht gleich „Die Madonna aus dem Diskonter“ nennen wie „Der Standard“. Aber vom hörbar überschäumenden Temperament und Esprit einer Lizzo zum Beispiel war und ist die Perfektionistin Kylie doch sehr weit entfernt.

Einige der neuen Songs wissen natürlich durchaus zu gefallen. „Monday Blues“ hat einen zackigen Groove und kommt schnell und eingängig zur Sache, auch wenn es lyrisch absolut Banane ist: „Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, it’s the weekend.“ Und „Where Does The DJ Go“ oder „Dance Floor Darling“ (ja, es ist ein Konzeptalbum) sind interessant, weil absichtlich oder unabsichtlich mit dem Grundtempo der Lieder gespielt wird. Das erinnert an altersschwache Plattenspieler mit ausgeleiertem Antriebsriemen. Lustig.

Harter Kern der Fans darf sich auf ein Beat-Bonbon freuen

Jetzt kann man „Magic“, „Dance Floor Darling“ und ein paar weitere Lieder guten Gewissens auf der Party-Playliste abwerfen und geduldig auf irgendwann wieder mögliche Küchenfeiern, Disco-Partys und Pride Weeks warten. Und der harte Kern der Fans darf sich an diesem Sonnabend noch auf ein Beat-Bonbon freuen: Um 21 Uhr lädt Kylie Minogue auf dem Portal dice.fm zum Streaming-Spektakel „Kylie: Infinite Disco“. Sie verspricht eine 50 Minuten lange, schillernd bunte Dance-Show mit den Songs des neuen Albums und einigen neu arrangierten Klassikern. 17,50 Euro kostet das Online-Ticket für diesen Abend im sehr kleinen Kreis, an dem „du gar nicht geplant hattest zu tanzen“. Eigentlich.