Theaterkritik

Im Ohnsorg-Theater: die vorerst letzte Premiere Hamburgs

„Bildung för Blödis“?: Friseurin Rita (Lara-Maria Wichels) will beim Literatur-Professor Frank (Konstantin Graudus) ihren Horizont erweitern.

„Bildung för Blödis“?: Friseurin Rita (Lara-Maria Wichels) will beim Literatur-Professor Frank (Konstantin Graudus) ihren Horizont erweitern.

Foto: Oliver Fantitsch

Die Komödie „Rita will dat weten“ konnte nur einmal gespielt werden. Eindringliche Worte von Intendant Michael Lang zum Lockdown.

Hamburg.  Seit Montag dieser Woche gilt auch auf dem Heidi-Kabel-Platz die Maskenpflicht. Die Beschäftigten des Ohnsorg-Theaters probten schon am Sonntagabend den Ernstfall und hielten sich geflissentlich daran. Auch die in den vergangenen Monaten – unter Einhaltung der Abstandsregeln – praktizierte kurze Zusammenkunft mancher Premierengäste mit vom Theater spendiertem Eispäckchen auf dem Platz fiel trotz der milden Witterung aus. Und wäre nicht die Namensgeberin des Platzes, besser gesagt ihre Bronze-Statue, neben dem Eingang des Ohnsorg-Theaters so hübsch von einem blauen Daunenmantel sowie mit Schal und Mund-Nasen-Schutz (!) drapiert gewesen, hätte die Situation trister kaum sein können. Ein Hauch von Abschied lag in der Luft.

Die Menschen sorgen sich um Heidi Kabel, die 2010 gestorbene Volksschauspielerin. Auch das Ohnsorg, insbesondere die vielen freischaffenden Schauspieler, werden sich in den kommenden Monaten warm anziehen müssen.

Lang: Ohnsorg zum „Hochsicherheitstrakt“ ausgebaut

Mit der Komödie „Rita will dat weten“ ging am Heidi-Kabel-Platz die vorerst letzte Hamburger Premiere über die Bühne. Auf der betonte Intendant Michael Lang in seiner Ansprache nach der plattdeutschen Erstaufführung, dass diese nicht gleichzeitig die Derniere gewesen sein solle, obwohl alle weiteren Vorstellungen dem Lockdown zum Opfer fallen.

Trotz der finanziellen Unterstützung der Kulturbehörde wählte Lang nach der bereits vierten, im Ohnsorg inzwischen üblichen nur 70 Minuten langen Premiere eindringliche Worte: „Heute müssen wir erneut eine Träne verdrücken, weil wir wieder einen Monat schließen müssen, obwohl wir unser Theater in den vergangenen Monaten zu einem Hochsicherheitstrakt ausgebaut haben, in dem zwar geistige Inspiration, aber keine physischen Kontakte stattfinden“, sagte Lang.

„Das aufgebaute Vertrauen nicht verlieren“

Auf den schwierigen Winter sei das Haus länger sehr gut vorbereitet. „Das hat uns unser Publikum mit zahlreichen Besuchen nicht nur bestätigt, die Menschen haben uns auch deutlich gemacht, wie wichtig Kunst und Kultur gerade in angespannter Zeit ist, für Körper, Geist, Seele, zur Reflexion, und ja, auch zur Zerstreuung“, so Lang. „Wir hoffen, wir haben die Politik richtig verstanden, dass es eben nicht um diesen Raum hier geht mit seinem umfassenden Hygienekonzept, sondern um Bewegungen im ,öffentlichen Raum’ da draußen, die An- und Abfahrten, die vermieden werden sollen. Alles andere wäre ein fatales Signal, es würde die Angst schüren, Theater seien möglicherweise doch gefährliche Orte. Daher wünschen wir uns, dass die kommenden Wochen genutzt werden, dass weiter darüber nachgedacht wird, wie kulturelles und gesellschaftliches Leben auch in Zeiten einer Pandemie stattfinden kann und welche Orte man ,ohne Sorge’ öffnen kann. Und mit der Politik wollen wir überlegen, was getan werden kann, damit das Publikum das aufgebaute Vertrauen nicht wieder verliert.“

Wie meistens dachte der Ohnsorg-Intendant nicht nur an sein Haus: „Im Übrigen brauchen das auch alle Theaterschaffenden. Sie wollen jetzt gerade nicht gemütlich zu Hause sitzen und nur ,ein gutes Buch lesen’. Denn sie wissen, gerade jetzt werden sie und ihr Theater gebraucht, als emotionale Nahrung und als einen geschützten Ort, an dem wir auch weiterhin über uns und unsere Gesellschaft nachdenken können, an dem wir lachen und weinen können, an dem wir uns freuen und empören können, wo unsere Sehnsüchte und Träume bebildert werden“, sagte Lang unter dem Beifall des Publikums.

Shaws „Pygmalion“-Thema lässt im Stück grüßen

Indes spielen Bücher im Stück „Rita will dat weten“ durchaus eine Rolle. Stapelweise liegen sie bei Literaturprofessor Frank herum, in dessen Zimmer nur ein Sessel mit Hocker und ein Kaktus
stehen. In diese stimmig karge Kulisse stürmt Rita. Die junge Friseurin will einen Kursus in Erwachsenenbildung machen. Der Professor ist von seiner Uni verdonnert, diesen zu geben. Shaws „Pygmalion“-Thema lässt grüßen, einst mit dem selbstherrlichen Sprachwissenschaftler Professor Higgins und dem schlichten Blumenmädchen Eliza Doolittle als Musical „My Fair Lady“ ein Hit.

Aber auch „Rita will dat weten“, vom britischen Autor Willy Russell unter dem Titel „Educating Rita“ geschrieben, hat seit der Uraufführung in London 40 Jahre hinter sich. Die vom umtriebigen Boulevard-Theatermacher René Heinersdorff („Komplexe Väter“, „Der Kurschattenmann“) bearbeitete Fassung ist aktueller, jedoch nicht nicht frei von Kalauern, wenn etwa Rita ganz dem Blondinen-Klischee entsprechend den Komponisten Verdi mit der gleichnamigen Gewerkschaft verwechselt oder beim Dramatiker Frank Wedekind „Sommergefühle“ bekommt, statt an dessen „Frühlings Erwachen“ zu denken. „Bildung för Blödis“ nennt sie das selbst.

Geplantes nächste Premiere: „Laat uns Frünnen Blieven!“

Immerhin: Diese Rita ist lernwillig und -fähig. Nicht nur sprachlich. Auch was ihre Beziehungen betrifft, erweitert sie ihren Horizont. Lara-Maria Wichels wächst zudem schauspielerisch an dieser Aufgabe, glaubwürdig und temperamentvoll verkörpert sie den Wandel zu einer Frau, die über die Literatur sogar ihr Interesse am Theater entdeckt. „Du büst en goden Lehrer“, sagt sie zu Frank. „Du büst mien Meisterstück“, entgegnet der Professor schließlich verzückt.

Konstantin Graudus gibt diesen als grantelnden Zyniker. Ein gut situierter Professor, der sich als gescheiterter Dichter erweist und lange Zeit mehr an der Whisky-Flasche hängt als an den Lippen seiner Schülerin. Schade nur, dass Charakterkomödiant Graudus hier als Frank beim Schlagabtausch mit Rita etwas gehemmt wirkt und sich teilweise so bedeckt hält wie in seiner Kleidung mit Hemd und Weste. Regisseurin Milena Paulovics hätte bei ihrer dritten Arbeit fürs Ohnsorg – trotz der Abstandsregeln – gern noch etwas mehr Hand anlegen können. Womöglich dann, falls die „Rita“ in dieser Spielzeit noch mal auf den Spielplan rückt. Für den 3. Dezember haben Michael Lang und Ohnsorg-Oberspielleiter Murat Yeginer bisher eine weitere Zwei-Personen-Komödie geplant: „Laat uns Frünnen Blieven!“

Am Montagnachmittag übrigens trug die Heidi-Kabel-Statue weder Daunenmantel noch Pullover, nur noch Mund-Nasen-Schutz. Über Nacht und am Tage hatte sich einiges getan. Vor und im Ohnsorg-Theater aber gilt: Maske tragen, Abstand halten – und warm anziehen.