Theaterkritik

"Tatort"-Kommissar als Retro-Wutbürger im Thalia Theater

Ausraster vor orangefarbener Wabenkulisse: Wolfram Koch darf als Howard Beale dem Affen Zucker geben.

Ausraster vor orangefarbener Wabenkulisse: Wolfram Koch darf als Howard Beale dem Affen Zucker geben.

Foto: Armin Smailovic

Die dystopische Mediensatire „Network“ gerät überdrehter als die Kinovorlage, ist aber eine tolle Ausstattungsschlacht.

Hamburg.  Ein bisschen „Dalli Dalli“-Studio mit Hans Rosenthal, ein bisschen legendäre „Spiegel“-Kantine. Der eine ist tot, die andere im Museum. Retro also. So konsequent orangefarben wie in der Thalia-Szenerie, auf die Bühnenbildner Stéphane Laimé Waben-Séparées mit Raum für eine funkige Live-Band in der Mitte gebaut hat, war die Welt jedenfalls seit den 1970er-Jahren nicht mehr.

Telefonapparate (mit Wählscheibe!), Kugelaschenbecher (zum tatsächlichen Benutzen!), und Männer, die ihr spärliches Resthaar noch sorgfältig von einem Ohr zum anderen legen und trotzdem unhinterfragt das Sagen haben. Schon deshalb (mal abgesehen von der liebevollen Vintage-Ausstattung, zu der hier auch Kathrin Plaths exzentrische Kostüme zählen) keine Ära, in die man sich nun dringlichst zurückwünscht.

Kinofilm "Network" als Bühnenadaption im Thalia Theater

Jan Bosse hat sich entschieden, in seiner Bühnenadaption des aus heutiger Sicht verblüffend prophetischen Kinofilms „Network“ von 1976 die Gesellschaft und die Medienbranche an einem für alle unguten Wendepunkt zu porträtieren, ohne dafür die damalige Zeit zu verlassen. Der Nachrichtenmoderator Howard Beale (hingebungsvoll gespielt vom eigens für diese Rolle engagierten Wolfram Koch) wird wegen zu geringer Quoten von seinem Sender entlassen. Er kündigt vor laufender Kamera seinen Suizid an, die Quoten steigen rasant, es folgen weitere Ausraster, er bekommt – befeuert von der so instinktsicheren wie rigorosen Unterhaltungschefin – eine eigene Show.

Der Wutbürger zeigt sich in einer Frühform des Influencertums, als Journalismus zu Entertainment wird und der Zuschauer zum Voyeur. Moralische Grundsätze (hier längst selbst eine Form des Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht) sind der Quote geopfert.

Die Verweise auf die Gegenwart sind augenfällig

Wo das alles hinführt, zeigt Bosse nicht explizit. Weil er gar nicht muss. Die Verweise auf die Gegenwart sind schon im Original derart augenfällig, dass sie hier fast schon plump wirken. Die amerikanische Bevölkerung brauche jemanden, der ihren Zorn für sie artikuliert, erkennt Programmchefin Diana, die im Film von der kühlen Faye Dunaway und am Thalia von Christiane von Poelnitz gespielt wird. Dass dieser jemand heute tatsächlich aus dem verkommenen Reality-TV-Umfeld kommt und sich in wenigen Tagen zum zweiten Mal zum US-Präsidenten wählen lassen will, läuft als innerer Film des Publikums ohnehin mit.

„Wir hocken zu Hause, unsere Welt schrumpft zusammen“ – man muss nicht, kann an dieser Stelle der zentralen „I’m mad as hell“-Rede aber natürlich auch die Coronabeschränkungen im Kopf haben. „Ich will, dass ihr in Panik geratet!“ bebt Beale weiter, und sofort hat man Greta Thunberg vor Augen, aus deren Davos-Rede von Anfang 2019 dieses Zitat eigentlich stammt, es fügt sich (als freie Übersetzung von „I want you to get mad!“) nahtlos in den Ausbruch.

Felix Knopp – kaum zu erkennen im Fatsuit

Wie schon in Karin Beiers Saisoneröffnung „Reich des Todes“ am Schauspielhaus, das in die Zeit nach dem 11. September 2001 zurückführte, liefert auch „Network“ eine Art „Was bisher geschah“ – und bleibt damit bisweilen auf allerdings putzige Art überraschungsarm. Howard Beale, der wie Peter Lustig in „Löwenzahn“ seine Zuschauer auffordert, die Geräte abzuschalten, während der Griff der meisten Theaterbesucher direkt nach dem Schlussapplaus (wenn nicht schon eher) dem eigenen Smartphone gilt – da kann man sich ertappt fühlen oder die „Entlarvung“ im besten Fall als ähnlich rührend empfinden wie ein Telefon mit endlichem Kabel.

Felix Knopp, kaum zu erkennen im Fatsuit und mit Pomade in den Strähnen, gibt als „markanter Mann mittleren Alters“ (nur der Behauptung, nicht der schmerbäuchigen Optik nach) den altmodischen Nachrichtenchef Max und darf im Seitenstrang der Handlung eine schön schrille Liebesszene mit Christiane von Poelnitz im Satineinteiler tanzen. Es ist auch ihr stärkster Moment. In Jan Bosses Dystopie-Variante ist bei allem Zynismus (Jirka Zett als berechnender Manager) jedenfalls Raum für skurrile Komik, nicht nur durch die Sidekicks Julian Greis und Björn Meyer, deren kugelrunde Kostüme die aufgeblasene Branche auch optisch hübsch kommentieren.

Der anfangs noch energiearme Abend findet seinen Rhythmus

Wolfram Koch schließlich genießt die ganze Show sichtlich, er schmückt aus, ist ein Körperspieler, der auch am Slapstick Spaß hat, lässt seine anfangs seriöse Föhnwelle verrutschen, was als Anspielung auf Trumps oder Boris Johnsons Frisurenunfälle genauso funktioniert wie es dem schnellen Lacher dient.

Wenn er überdreht, fügt sich das in den Gesamtsound der Inszenierung, die darum (das kann man schon schade finden) weniger existenziell daherkommt als ihre Vorlage. Aber der anfangs noch energiearme Abend findet seinen Rhythmus, auch mit Hilfe der unnachgiebig rotierenden Drehbühne und der exzellenten Live-Combo um Jonas Landerschier (Keyboard), Günter Märtens (Bass) und Matthias Strzoda am Schlagzeug.

Ansonsten: sind genug Alkohol und Rauchwaren vorhanden, sind ja die Siebziger; unter anderen, weniger abstandsfordernden Umständen wäre diese Kulisse ein glänzender Ort für eine ziemlich lässige Premierenfeier gewesen.

„Network“ am Thalia Theater (Alstertor), wieder am 31.10., 15 und 20 Uhr, 1.11., 19 Uhr, 6. und 7.11., jew. 20 Uhr, Karten unter T. 328 144 44