Staatsoper

Tanz-Begegnungen, bei denen die Abstände kaum auffallen

Körper und Klavier: Alexandr Trusch in „Vaslaw“.

Körper und Klavier: Alexandr Trusch in „Vaslaw“.

Foto: Kiran West

John Neumeier gelingt eine starke Wiederaufnahme der vier „Ballette für Klavier und Stimme“ an der Staatsoper.

Hamburg.  Der Titel des Abends klingt eher nüchtern. Der Abend selbst ist es keineswegs. Er verbindet vielmehr vier höchst unterschiedliche Ballette – tänzerisch, ästhetisch und musikalisch. Das Hamburg Ballett wagt ein wenig mehr Normalität auf der Bühne mit der Wiederaufnahme der „Ballette für Klavier und Stimme“ von John Neumeier. Und da fallen die Abstände kaum mehr auf, fügen sich eher ein in ein Raumkonzept. Zudem tanzen hier bekannte – und weniger bekannte – Paare miteinander.

„Vaslaw“ nach einem nie realisierten Plan von Vaslaw Nijinsky zu wunderbaren Bach-Klavierklängen, auf der Bühne am Flügel präsentiert von Michal Bialk, wird zum Solo-Triumph für Alexandr Trusch, der ein eindringliches Porträt der russischen Tanz- und Choreografenlegende abliefert. Trusch demonstriert erneut seine Sprungstärke und seine mitreißende Energie. Auch wenn er die Bühne zwischenzeitlich Paaren wie Yun-Su Park und Lizhong Wang und ihrer formal intensiven Fußarbeit überlässt und im Hintergrund einen langsamen Spagat hinlegt, zeigt er eindrucksvolle Präsenz. Aber Trusch versteht sich eben genauso auf einen subtilen Pas de Trois im Verbund mit Anna Laudere und Edvin Revazov zur Sarabande en rondeau.

Begegnungen voller Leichtigkeit

Mit ein wenig mehr Leichtigkeit geht es weiter in „Broadway’s Pawlowa – ein imaginäres Porträt von Marilyn Miller“. Diesmal greift Oliver Kern ausladend mit George Gershwin-Rhythmen in die Tasten. Großartig interpretieren sieben Tänzerinnen unterschiedliche Facetten der legendären Broadway-Tänzerin Miller. Greta Jörgens und Charlotte Larzelere legen einen technisch anspruchsvollen, sprungstarken Pas de Deux hin. Und die unvergleichliche Hélène Bouchet scheint fast zu schweben.

Düsterer, elegischer geht es bei den „Nocturnes“ zur romantischen Musik von Frédéric Chopin zu, hier erneut virtuos dargeboten von Michal Bialk. Die Tänzerinnen und Tänzer streifen, Tassen tragend, über die blau erleuchtete Bühne. Es wird eine ernst-besinnliche Teestunde mit Anklängen an Tschechow, in der das grandiose Ensemble des Hamburg Balletts allerlei Beziehungsmuster durchspielt. Begegnungen voller Leichtigkeit, Konflikt, Hingabe und Versöhnung. Xue Lin und Christopher Evans begeistern mit einem innigen Pas de Deux. Silvia Azzoni beeindruckt mit einem Solo, das pure Selbstbehauptung ausdrückt, bevor sie mit Alexandre Riabko zu anspruchsvollen Hebefiguren zusammenfindet. Und die fragile Anna Laudere lässt sehr effektvoll eine Tasse auf dem Bühnenboden zerspringen.

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Schließlich wird es noch ein wenig somnambuler in „Um Mitternacht“ zu den großartigen „Rückert-Liedern“ von Gustav Mahler, hier feinnervig interpretiert von Pianist Gary Matthewman und Bariton Benjamin Appl. Der muskulöse Edvin Revazov durchlebt zu den ernsten Gesängen eine Bandbreite an Begegnungen. Darunter innige mit Anna Laudere, in denen er rückwärts an sie lehnend alle vier Gliedmaßen in der Luft hält, während sie den Oberkörper zum Spagat senkt. Ein starkes Bild. Jacopo Bellussi und Christopher Evans sowie Yaiza Coll und Xue Lin sorgen zwischendurch für Dynamik und Lebendigkeit. Zum Höhepunkt gerät das schwermütige „Ich bin der Welt abhandengekommen“ mit seiner eindringlichen Todesmetaphorik. Ein vielschichtiger Abend, der nichts von seiner Kraft eingebüßt hat.

„Ballette für Klavier und Stimme“ 21.10., 19.30, 22.10., 19.30, 25.10., 18.00 (derzeit alle ausverkauft), in der Staatsoper, T. 35 68 68