Konzertkritik

Saisonstart der Hamburger Camerata im Michel: ein Genuss

| Lesedauer: 3 Minuten
Helmut Peters
Pianist Martin Stadtfeld spielte mit der Hamburger Camerata im Michel.

Pianist Martin Stadtfeld spielte mit der Hamburger Camerata im Michel.

Foto: Henning Ross/Sony Classical

Das Programm war ganz Johann Sebastian Bach gewidmet. Als Solisten brillierten Pianist Martin Stadtfeld und Flötistin Ulrike Höfs.

Hamburg.  Die Hamburger Camerata musste ihr lange vor dem Ausbruch der Pandemie geplantes Saisonprogramm 20/21 anders als die großen Orchester der Stadt kaum mehr den neuen Aufführungsbedingungen anpassen. Der Grund: Mit seiner kleinen Zahl von Musikern und Musikerinnen kann das Kammerorchester alle Abstandsregeln locker einhalten.

Bei der Saisoneröffnung am Donnerstag im Michel gab es dann aber doch noch eine Änderung, denn das allein Johann Sebastian Bachs Werken gewidmete erste Kryptakonzert wurde in die Kirche selbst verlegt, um das Publikum großräumiger platzieren zu können. Und es war akustisch und musikalisch ein Genuss, die bestaufgelegte, nur mit zehn Streichern besetzte Camerata mit ihrer Solo-Flötistin Ulrike Höfs und dem Camerata-Residenzkünstler der vorangegangenen Saison, Pianist Martin Stadtfeld, in Bach-Konzerten zu erleben.

Hamburger Camerata im Michel – Ensemble und Solisten in bestem Wechselspiel

Gleich zu Beginn des Allegros im Klavierkonzert d-Moll BWV 1052 nahm Stadtfeld sich in der Dynamik zurück, so dass die ohnehin im Stehen spielenden Geigen und Bratschen in den Tutti noch dominanter wirkten. Im Gegensatz zu den langsamen Sätzen, auch im A-Dur-Konzert BWV 1055, wo Stadtfeld weit bestimmender hervortrat, rückte er das Klavier in den Rahmensätzen fast in die Nähe eines Cembalos.

Mit seinem unaffektierten Spiel, der Vermeidung übertriebener Akzente und einer feinsinnigen Phrasierung hat Stadtfeld seinen ganz eigenen Bach-Stil gefunden. Nie wird der Fluss in den schnellen Sätzen aufgehalten. Die Linie strebt wie eine gezeichnete Gerade einem Ende entgegen. Ohne zu eilen, aber auch ohne sich mit unnötigen Zäsuren aufzuhalten.

Das könnte Sie auch interessieren:

Trotzdem gab es Ruhepunkte, bei denen Stadtfeld und die Camerata das Geschehen auf ein wahrhaft radikales Pianissimo zurückfuhren. In schönster Tongebung hoben die tiefen Streicher im Adagio des d-Moll-Konzerts an, woraufhin Stadtfeld das kantable Thema plastisch allein mit der rechten Hand ausformte und mit der linken vom Flügel aus das Ensemble dirigierte. An einigen Stellen, vor allem im Schluss-Allegro des d-Moll-Konzerts, waren die Diminuendi des Orchesters wirklich verblüffend.

Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 5 – ein Stück Avantgardemusik des 18. Jahrhunderts

Nicht weniger begeisterte Ulrike Höfs in der h-Moll-Suite BWV 1067, für die sie keine Silber- sondern eine Holzflöte ausgewählt hatte. Wo die tiefere Lage des Instruments etwas schwächer war, reagierten die Streicher sofort, so dass sich ein ausgewogenes Klangbild ergab. Höfs verwandelte keine der sich dafür vielleicht anbietenden Parts in Virtuosenstücke, sondern stand durchgehend für eine bewegende Schlichtheit und größte Eleganz im Ausdruck und in der Tongebung.

Am Ende dann gesellte sich auch der Konzertmeister Stefan Latzko bei Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 5 BWV 1050 zu den Solisten, wobei Stadtfeld den beiden vorn stehenden Melodieinstrumenten kaum die Show stahl. Mit Ausnahme natürlich bei seinem langen Klaviersolo am Ende des Kopfsatzes, das ja in seiner bis heute noch geradezu schockierenden Modernität ein Stück Avantgardemusik des 18. Jahrhunderts darstellt.

Infos: hamburgercamerata.com

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kritiken