Bühne

Theater-Magie in den Hamburger Kammerspielen

| Lesedauer: 5 Minuten
Annette Stiekele
Schauspieler Sebastian Kautz zwischen den Großfiguren Lisbeth und ihrem Mann Michael Kohlhaas.

Schauspieler Sebastian Kautz zwischen den Großfiguren Lisbeth und ihrem Mann Michael Kohlhaas.

Foto: Marianne Menke

Die Bremer Bühne Cipolla macht Kleists „Michael Kohlhaas“ mit Figurentheater und Musik zum intensiven Erlebnis.

Hamburg.  Die Bühne ist mit Plastikplanen zu einer nebligen Szenerie verhüllt. Im Vordergrund ist ein Gartenzwerg zu erkennen. Auf der rechten Seite stehen ein paar Ölfässer. Links ist ein Keyboard aufgebahrt. Gero John schlägt ein paar dunkle Klänge auf dem Cello an. Regisseur und Schauspieler Sebastian Kautz verbindet seine Beine mit einer Oberkörper-Figur, Anzug, rote Haare, Vollbart. Und „Michael Kohlhaas“ nach der 1808 erschienenen Novelle von Heinrich von Kleist steht leibhaftig auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele. Erst einmal klickt er lässig mit einem Feuerzeug. Bald wird er eine Welt in Brand setzen.

Die schmale Kleist-Novelle ist harter Stoff, folgerichtig kommt die für einige Abende an der Hartungstraße gastierende Tour-Theater-Version der Bremer Bühne Cipolla eindringlich düster, beinahe gruselig daher. Erzählt sie doch von einem hier ausweglosen Kampf des Einzelnen um sein Recht, von Willkür, Vetternwirtschaft und Korruption. In dieser gesellschaftlichen Schieflage wird Kohlhaas zum Terroristen.

Bühne Cipolla wagt einen modernen Zugriff

Die Bühne Cipolla wagt einen modernen Zugriff. Der Pferdehändler Kohlhaas ist hier als ein zunächst besonnener Handelsreisender gezeichnet, der anlässlich eines Grenzübertritts zwei wohlgenährte Edelrösser bei der Burg des Junkers Wenzel von Tronka als Pfand lassen muss. Dieser tritt als Schleimer auf, dem grüne Saftfäden aus dem Mund triefen, und lässt Schauspieler Kautz in Sekundenschnelle Stimmlage und Artikulation wechseln.

Die Zuschreibungen von Gut und Böse sind hier eindeutig – ein Sympath ist dieser laut krächzende Tronka jedenfalls nicht. Dem anständigen Bürger Kohlhaas macht er das Leben schwer. Bei dessen Rückkehr findet er statt der einst wertvollen Pferde nur mehr abgemagerte klapprige Gestelle vor.

Die Großfiguren sind Kohlhaas und seine Frau Lisbeth

Kohlhaas klagt, scheitert, schäumt und beginnt einen ausweglosen Rachefeldzug für Gerechtigkeit, der in brandschatzende Gewalt mündet. Hinter diesem Individualschicksal verhandelte Kleist auch einen historischen Konflikt, in dem rechtsstaatliches Denken absolutistischen Fürstenhäusern gegenüberstand. Die einzige von Figurenbauerin Melanie Kuhl kreierte weitere Großfigur ist Kohlhaas’ Frau Lisbeth, die mit einem an Modigliani erinnernden Gesicht aufersteht, aber bald dramatisch ihr Ende in einem Ölfass finden wird.

Das übrige Personal, die Richtenden also, erscheinen als Minifiguren mit übergroßen Köpfen. Eine Horde Kleingeister von Martin Luther bis zum Bischof – auch beim finalen Tribunal, bei dem Sebastian Kautz die Figuren für eher kurze Statements an einem Holzbalken auf- und abtreten lässt. Der Gartenzwerg hat einen Auftritt als spießiger Dorfnachbar.

Radikale Verwandlung vom braven Mittelstandsbürger zum Anarchisten

Im Zentrum aber steht Kohlhaas’ radikale Verwandlung vom braven Mittelstandsbürger zum Anarchisten. Sebastian Kautz unterzieht ihn einer ausführ­lichen äußeren Metamorphose, bei der Bart und Haupthaar nach einer Rasur fallen, der Anzug einem Unterhemd weicht. Und Kohlhaas, der Revolutionär, kahlschädelig und sehnig seine Muskeln spielen lässt. Das zerfurchte Gesicht wirkt wie von dem bildenden Künstler Ernst Barlach gemeißelt. Extreme Gefühlszustände haben sich in ihm eingeschrieben. Er ist kein Heiliger, kein Held und keine einfache Identifikationsfigur, was den Abend per se sperrig macht. Denn mit zwei Feuerzeugen in der Hand geht auch er schließlich über Leichen. Am Ende bekommt er vor einem erneuten Tribunal der Minifiguren zwar Recht in seinem Streit mit Tronka, vor der Todesstrafe wegen Landfriedensbruchs bewahrt ihn das aber nicht.

Die Bühne Cipolla hat durch einige Gastspiele auch in Hamburg eine Fangemeinde. 2019 erhielt sie bei den Privattheatertagen den Monica-Bleibtreu-Preis für „Der Untergang des Hauses
Usher“. Überhaupt hat das Figurenthe­ater – insbesondere das für Erwachsene – in der jüngeren Vergangenheit ein immer größeres Publikum gefunden. Mit einer Puppe lassen sich auch Begebenheiten und Zustände erzählen, bei denen ein Schauspieler an seine Grenzen käme. Gerade eben auch unerbittliche Dinge. Geschichten über Gewalt

Gero John erzeugt auf dem Keyboard Atmosphäre

„Michael Kohlhaas“ macht es dem Publikum mit seinem gemächlichen Erzählton und der dunklen Stimmung mitunter schwer, anzudocken. Das Geschilderte ist aber nun einmal so radikal und ex­trem, dass es den Betrachter voll hineinzieht.

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Und so gelingt dem Duo – bei allem gebotenen Abstand – eine intensive Bühnenperformance. Insbesondere die musikalische Ebene trägt einen entscheidenden Teil dazu bei, wenn Gero John auf dem Keyboard atmosphärische Klänge erzeugt, aber auch mal mit Perücke und Plastikumhang in die Richterrolle wechselt. Sein Bühnenpartner Sebastian Kautz ist permanent in Bewegung und wechselt mit äußerster Wachheit zwischen einem guten Dutzend Figuren und entsprechenden Stimmlagen.

Die Figurenebene in Verbindung mit der Schönheit von Kleists Sprache sorgt bei diesem „Michael Kohlhaas“ für eine einzigartige Theater-Magie.

Bühne Cipolla: „Michael Kohlhaas“ weitere Vorstellungen Mo 26./Di 27.10., jeweils 19.30, Hamburger Kammerspiele (U Hallerstraße), Hartungtraße 9-11, Karten zu 19,- bis 41,-: T. 413 34 40; www.hamburger-kammerspiele.de

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