Hamburg

Kampf dem Coronavirus: Polittbüro sorgt für frische Luft

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Stefan Reckziegel
Ein unbeschwertes Theatervergnügen wünschen Lisa Politt und Gunter Schmidt (Herrchens Frauchen) sich und ihren Gästen.

Ein unbeschwertes Theatervergnügen wünschen Lisa Politt und Gunter Schmidt (Herrchens Frauchen) sich und ihren Gästen.

Foto: Jo Jacobs

Kleinkunst-Theater in St. Georg startet mit Verspätung, aber mit Ionisierung in der Klimaanlage in die Saison. Berühmtes Vorbild.

Hamburg. Was haben die Chemnitzer Oper und das Polittbüro in St. Georg miteinander gemein? Im Prinzip nichts. Die Oper ist Hauptspielstätte der Musiktheatersparten des Theaters Chemnitz, 111 Jahre alt und gilt seit ihrer Sanierung vor knapp 30 Jahren als eines der modernsten Häuser Europas. Sie bietet bis zu 720 Besuchern Seh- und Hörgenuss. Demgegenüber die Hamburger Bühne für unkonventionelle Kleinkunst und linksalternative Leseabende am Steindamm, seit 2003 betrieben vom Kabarettduo Herrchens Frauchen, benannt nach der weiblichen Hälfte Lisa Politt, mit Platz für 222 Gäste. Normalerweise.

Und doch verbindet die Chemnitzer Oper und das Polittbüro in diesen Corona-Zeiten etwas – Stichwort „bipolare Ionisation“. So heißt eine neuartige Methode, bei der abgespaltene Sauerstoffionen mit der Luft der Klimaanlage in den Saal strömen und dabei Schadstoffe und Viren binden sollen. Dabei wird die Fetthülle der Viren zerstört, ähnlich wie beim Händewaschen. Die unschädlich gemachten Viren werden dann mit der Abluft aus dem Saal gesaugt.

Ein derartiges System läuft schon in Chemnitz. Und genau jenes ist in diesem September im Polittbüro installiert worden. Deshalb haben Politt und ihr Partner Gunter Schmidt, mit 63 respektive 62 Jahren selbst Teil der Corona-Risikogruppe, ihre für den 3. September geplante Hauspremiere auf den April 2021 verschoben. Stattdessen sorgt an diesem Donnerstag ihre Hausfreundin, die Musikkabarettistin Nessi Tausendschön, für Wind beim Re-Start in frischer Luft.

In Chemnitz: wissenschaftlich begleitete Testläufe

Politt und Schmidt haben versucht, an Geld des von der Bundesregierung im Sommer geschnürten Milliarden-Pakets „Neustart Kultur“ zu kommen. 250 Millionen Euro sind für die Förderung pandemiebedingter Investitionen in Kultureinrichtungen vorgesehen, deren regelmäßiger Betrieb nicht überwiegend von öffentlicher Hand finanziert wird.

„Die Deutsche Theatertechnische Gesellschaft, die die Bundesmittel für den kulturellen ,Neustart’ verwaltet, hat uns im Auftrag der Hamburger Kulturbehörde den Tipp gegeben, in diese Richtung zu recherchieren“, erläutert Gunter Schmidt. „In der Chemnitzer Oper finden bereits seit einiger Zeit erfolgversprechende, wissenschaftlich begleitete Testläufe statt - darüber hat uns die DTHG informiert, und wir haben Kontakt aufgenommen“, sagt Schmidt. Der Technische Leiter der Oper hat ihn telefonisch beraten. „Nach Prüfung verschiedener Angebote und zusätzlicher wissenschaftlicher Beratung haben wir uns für dieselbe Anlage entschieden.“

Frischluftzufuhr mit einem Schornsteinaufsatz

Den Antrag hat Schmidt abgeschickt. Die Kosten für die Umbaumaßnahmen taxiert er auf eine „Summe noch im fünfstelligen Bereich“. Die Kulturbehörde unterstützt das Polittbüro bei den Maßnahmen mit eventueller Fehlbedarfs- oder Vorfinanzierung. „Das gibt Sicherheit“, sagt Schmidt – dankbar angesichts der ungewohnt hohen Beträge.

Politt und Schmidt können auf die moderne Lüftungsanlage bauen, die 2012 im Politbüro neu installiert und vom Bezirk Hamburg-Mitte mit 30.000 Euro bezuschusst worden war. Das Wichtigste jetzt: Die Lüftung besteht aus getrennten Anlagen für Frischluftzufuhr mit Klimaanlage und für Abluft. Damit kein Anteil der Abluft aus dem Saal wieder mit der Frischluft in den Saal gelangen kann, wurde die Frischluftzufuhr mit einem Schornsteinaufsatz versehen.

Neue Ionisierungsanlage macht Coronaviren unschädlich

„Zusätzlich wurde an der Bühnenkante zum Publikum hin ein Gebläse installiert, das Luft in Form eines sogenannten Luftschleiers nach oben zur Absaugung bläst. Dadurch werden zwischen Bühne und Publikum getrennte Lufträume gebildet“, sagt Schmidt. Das Innovative sei aber die Aufrüstung der Klimaanlage mit einer neuen Ionisierungsanlage, die gemäß des aktuellen Wissenschaftsstands Coronaviren unschädlich macht. Schmidt: „Die Luft soll so rein sein wie nach einem Gewitter im Gebirge oder am Meer.“ Das Polittbüro mag mit der „bipolaren Ionisation“ Vorreiter in Hamburg sein, ist aber nicht das einzige Theater, das auf- und nachrüstet.

Das Hansa-Theater am Steindamm hat in diesem Jahr bereits auf eigene Kosten eine Klimaanlage einbauen lassen. Und das St. Pauli Theater plant, mit dem Einbau einer neuen Klimaanlage im Oktober zu beginnen, Anfang 2021 sollen die Arbeiten fertig sein. Eine schnellere Umsetzung sei aufgrund des laufenden Spielbetriebs nicht möglich, hieß es von der Direktion. Bei kalkulierten Kosten von 300.000 Euro streben Thomas Collien und Ulrich Waller eine anteilige Finanzierung mit der Kulturbehörde an.

Im Foyer: Plexiglasscheiben als Spuckschutz

Im Stage Club in Altona-Nord, der nach einem halben Jahr Pause an diesem Freitag und Sonnabend wieder mit dem „Quatsch Comedy Club“ startet, sei stets für eine ausreichende Belüftung gesorgt, hieß es vom Berliner Betreiber Serious Fun GmbH. Und im First Stage in Altona-Altstadt, das am 9. Oktober mit der Revue „Comeback – Highlights on Stage“ wiederöffnet, steckt die modernste Theater-Lüftung (Abluft über der Bühne) – es hat erst im März 2016 eröffnet.

Das Schauspielhaus existiert zwar bereits 116 Jahre länger, aber auch das größte deutsche Sprechtheater hat eine komplett neue Zu- und Abluftanlage, sodass die dort verteilten Handzettel „Gute Luft im Schauspielhaus“ keine bloße Reklame sind. Techniker des Schauspielhauses waren auch mit Schmidt vom Polittbüro in Kontakt – es war mal Probebühne für das Staatstheater.

Schmidt selbst stand Dienstagnachmittag noch beim Baumarkt in der Warteschlange, um neue Plexiglasscheiben zuschneiden zu lassen. Die werden zwischen dem Personal vom Tresen und Besuchern im Foyer als Spuckschutz aufgestellt. Sogar dort gibt es nun eine Ionisierungsanlage. Alles ist angerichtet. Auch wenn es nicht wie große Oper wirkt.

Der Oktober 2020 im Polittbüro Auftakt mit Nessi Tausendschön Do 1.10., 20.00, Steindamm 45, Karten zu 10,- (erm.) bis 20,-: T. 28 05 54 67; Programm: www.polittbuero.de

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