Theaterkritik

Die Liste meines Lebens – wofür es sich zu leben lohnt

Monolog mit Ergänzungen: Genet Zegay lässt das Publikum immer wieder direkt am Spiel mitwirken.

Monolog mit Ergänzungen: Genet Zegay lässt das Publikum immer wieder direkt am Spiel mitwirken.

Foto: Sinje Hasheider

„All das Schöne“ beschäftigt sich am Jungen Schauspielhaus mit Suizid. Es gelingt eine trotzdem leichte, warmherzige Premiere.

Hamburg. Zuallererst: „Eiscreme“. Es folgen (ohne wertende Reihenfolge) „die Farbe Gelb“ und „Achterbahn“, „Sachen mit Streifen“ und „Leute, die stolpern“. „Freundliche alte Menschen“ sind dabei (sofern sie „nicht komisch riechen“) und der kleine Triumph „ins Meer zu pinkeln und keiner merkt’s“.

Was diese Punkte gemeinsam haben? Es sind Dinge, Momente, Beobachtungen, für die es sich zu leben lohnt. „All das Schöne“ eben, wie der Text von Duncan Macmillan und Jonny Donahue überschrieben ist, den die Schauspielerin Genet Zegay am Jungen Schauspielhaus in der sensiblen Regie von Franziska Stuhr auf die Bühne bringt.

Protagonistin kämpft mit Schuldgefühlen

Anders als die „Bucket List“ oder „Löffelliste“ – eine Aufzählung all jener Vorhaben und Lebensträume also, die man noch tun oder erreichen möchte, bevor man den Löffel abgibt – entsteht die Liste, die die junge Protagonistin hier führt, zwar aus Hilflosigkeit, vor allem aber direkt aus dem Moment heraus. Ihre Mutter hat versucht, sich das Leben zu nehmen, der Vater bleibt stumm, das anfangs siebenjährige Kind wird ihr Leben lang damit zu kämpfen haben.

„Es ist weit verbreitet, dass die Kinder von Selbstmördern sich selbst die Schuld geben“, heißt es an einer Stelle nüchtern im Stück, das als Rückschau erzählt wird – und diese Einschätzung ist wohl der härteste Gegner, mit dem das Mädchen es hier aufnimmt. Schuldgefühle, Unsicherheit, die permanente Angst, eines Tages selbst den Weg der Mutter zu gehen. In „Anatomie eines Suizids“ hatte Katie Mitchell in der letzten Spielzeit eine Art Triptychon der Traurigkeit auf die große Bühne des Deutschen Schauspielhauses gebracht, ein bisschen ist „All das Schöne“ nun die leichtere, hoffnungsvollere Version – eine, die sich an Jugendliche schon ab 13 Jahren richtet.

Zuschauer sind als Mitspieler gefordert

Dass das funktioniert, liegt an einem Text, der das Thema ernst nimmt, sich dennoch ganz viel Humor leistet und zudem dazu anregt, sich selbst Gedanken über „all das Schöne“ zu machen. Und an einer Schauspielerin, die für die Parallelität von Schwere und Gelöstheit eine hohe Empfindsamkeit und Wärme mitbringt. Genet Zegay interagiert ganz direkt mit dem (wegen Corona sehr übersichtlich auf verschiedene Ebenen gesetzten) Publikum.

Und das bleibt nicht passiv in der zuhörenden Rolle, sondern ist als Mitspieler gefordert – nicht zu knapp: Ein Zuschauer muss als Tierarzt den Hund einschläfern, eine Zuschauerin als Freund/Freundin einen Heiratsantrag machen (ein auch deshalb hinreißender Theater-Moment, weil die Geschlechterzuschreibung so indifferent bleibt), einer als Vater eine Hochzeitsrede improvisieren – und fast alle lesen immer wieder Listeneinträge vor („52. Das Wort Kladderadatsch“, „317. Die Star-Wars-Filme mit geraden Nummern“).

Das Stück endet, bevor der millionste Eintrag erreicht ist. Was auch deshalb schön ist, weil man ihn in Gedanken und dann ganz direkt ergänzt: Applaus.

„All das Schöne“, Junges Schauspielhaus, Kirchenallee 39, noch nicht ausverkauft u.a. am 21.10. und 15./16.12., jew. 19.00, T. 248713