Kritik

Ein Körper im Widerstreit: Tanzfieber auf Kampnagel

Für ihre Choreografie „Kontrol“ hat Tänzerin Patricia Carolin Mai monatelang eine strenge Diät eingehalten.

Für ihre Choreografie „Kontrol“ hat Tänzerin Patricia Carolin Mai monatelang eine strenge Diät eingehalten.

Foto: Öncü Gültekin

Vielfältiges Programm zur Saisoneröffnung. Es geht um Körperkontrolle, Pop-Parodien und das Rühren von Schlagsahne.

Hamburg.  Fröhlich bunt sehen sie aus. Gigantisch, übermenschlich groß ruhen sie im Kampnagel-Foyer, die drei Meter hohen Plastikkugeln in Rot, Gelb und Blau, die der bildende Künstler Christoph Faulhaber dort platziert hat. Sie versperren den Weg, sorgen für Distanz und haben doch etwas Magisches. „Para Social“ nennt er die Installation passenderweise und bringt mit ihr Veränderungen des sozialen Lebens in Zeiten von Abstandsregeln anregend auf den Punkt.

Auch auf Kampnagel läuft die Spielzeiteröffnung in diesem Jahr etwas anders ab. Weil in der großen Halle der „Markt für nützliches Wissen & Nicht-Wissen“ aufgebaut wird, gibt es zunächst mehrere Tanzproduktionen in kleineren Sälen. Die aber haben es in sich: Die Hamburger Szene präsentiert sich vital nach der Pandemie-Zwangspause.

Premiere „Kontrol“: Studie über einen Körper im Widerstreit

Von der Kampnagel-Schließung im Frühjahr war die Hamburger Choreografin und Tänzerin Patricia Carolin Mai besonders betroffen, hatte sie doch ein monatelanges extremes Körper-Transformations-Training inklusive streng ketogener, auf Eiweiß und Fett basierender Ernährung hinter sich, das sie für ihre Premiere „Kontrol“ noch über mehrere Monate weiterführen musste. Nun endlich präsentiert die ehemalige Leistungsschwimmerin eindrucksvoll die definierten Muskelpakete an ihrem meist bloßen Körper.

Mai beherrscht die Bühne in einem großartigen Solo. Elektronische Soundfetzen, später Barockmusik, sind ihr einziger Begleiter. Auch wenn sie sich einen langen Rock oder einen Umhang umbindet, wirft sie sich stets in anstrengende, männlich geprägte Bodybuilder-Posen – bis die Muskeln zittern. Später wird es tänzerischer, zarter, fragiler, wenn sie sich durch den Raum bewegt oder den Körper akkurat durch ein Wasserbecken im Hintergrund zieht. „Kontrol“ ist eine eindrucksvolle, äußerst konsequente Studie über einen Körper im Widerstreit mit sichtbaren und unsichtbaren Widerständen. Es ist auch eine Forschungsreise in die Androgynität, in eine Freiheit von allen Zuschreibungen. Ein Abend radikaler Selbstermächtigung.

„Schlagsahne“: allerlei Ärgernisse auf der Bühne

An eine junge Zielgruppe (ab 6 Jahren) wendet sich die Konzert-Choreografie „Schlagsahne“ der Hamburger Choreografin Regina Rossi. Die drei Performenden erleben auf der Bühne allerlei Ärgernisse: Dennis Deter findet zunächst partout nicht die richtigen Akkorde auf einer Bassgitarre, Sarah Lasaki errichtet fluchend aus Drumsticks einen fragilen, schwankenden Turm – eine echte Geduldsübung. Und Regina Rossi selbst wirft sich mit Anlauf auf die Bühne und zerstört das von Lasaki errichtete Kunstwerk.

Es wird (tatsächlich) ordentlich Schlagsahne angerührt, zart getanzt oder auch mal beherzt auf ein in der Ecke aufgebautes Drumset eingedroschen. „Schlagsahne“ ist vor allem aber eine schöne Song-Wundertüte mit Musik von Sven Kacirek. Das Bühnen-Trio ergänzt sie um Tanzszenen und Bewegungsstudien in Slow Motion, wobei Lasaki ihren Körper raffiniert als Percussion-Instrument einsetzt. Die Botschaft: Auch wenn mal etwas nicht auf Anhieb gelingt, Wut ist okay und man kann sie in etwas Positives ummünzen. Die anwesenden Kinder jedenfalls glucksen bei alldem vor Vergnügen.

„Playblack“: schrille Pop-Kostüme und tolle Imitationen

Und dann das Late-Night-Programm: Die junge Choreografin Joana Tischkau wurde – gemeinsam mit Co-Choreografin Clara Reiner – mit „Playblack“ bereits zur diesjährigen Tanzplattform eingeladen. Nach Art der „Mini Playback Show“ werfen sich Tischkau und ihre Mitstreiterinnen Clara Reiner und Annedore Antrie in schrille Pop-Kostüme und legen tolle Imitationen von Nina Hagen bis Michael Jackson hin. Der Abend ist jedoch mehr als eine etwas rohe Parodie, denn das Trio spielt auch TV-Interviewszenen nach, die einen ambivalenten Umgang mit afro-amerikanischen und afro-deutschen Künstlerinnen und Künstlern offenbaren. Auf Kampnagel ist – mit Abstand – viel zu entdecken.

Patricia Carolin Mai: „Kontrol“ 26./27.9., 1.10. bis 3.10., jew. 19.30, Regina Rossi: „Schlagsahne“ 26.9. 11.00 u. 16.00, 30.9., 10.00, 4.10., 11.00 u. 16.00, Joana Tischkau: „Playblack“ 26.9., 21.00, Kampnagel, Jarrestraße 20-24, Karten unter www.kampnagel.de