Konzertkritik

Ein Konzert, bei dem kaum Zeit zum Luftholen blieb

Das Belcea Quartet wurde 1994 gegründet

Das Belcea Quartet wurde 1994 gegründet

Foto: Marco Borggreve

Das grandiose Belcea Quartet eröffnet im Großen Saal der Laeiszhalle die Saison der Kammermusikfreunde.

Hamburg.  Streichquartett im Großen Saal der Laeiszhalle, das ist eine Seltenheit. Oder sollte man sagen, es war eine Seltenheit? Dass der Saisonauftakt der Hamburgischen Vereinigung von Freunden der Kammermusik – der Name ist einfach zu hanseatisch, um ihn nicht wenigstens einmal in voller Länge zu genießen – dort stattfand, verdankte sich jedenfalls dem Aufeinandertreffen der neuen Lüftungspolitik und der unverrückbaren Programmvorstellungen des Belcea Quartet. Ein Konzert von deutlich über 75 Minuten war zu lang für den ursprünglich vorgesehenen Kleinen Saal der Elbphilharmonie.

Die vier Musiker hatten sich als Jubiläumskonzert für Beethoven ausgedacht, das späte Quartett op. 130 aufzuführen. Das Werk ist im Original schon lang genug, aber nun kam dazu noch die berühmte Große Fuge op. 133, die ursprünglich den Schlusssatz zu op. 130 bildete, wahrscheinlich das abgedrehteste Werk des gesamten 19. Jahrhunderts. Beethoven hat die Fuge jedenfalls nach der Uraufführung des Quartetts durch einen besser vermittelbaren Finalsatz ersetzt. Das hat das Belcea Quartett rückgängig gemacht. Zum einen.

Belcea Quartet ließ die Anwesenden kaum Zeit zum Luftholen

Zum anderen haben sie zwischen die insgesamt sechs Beethoven-Sätze Werke des 20. Jahrhunderts geflochten. Aber was und von wem? Das blieb streng geheim, das Programmheft wurde wohlweislich erst hinterher ausgegeben. Ohne Wegweiser zu hören, schon das ergab eine Spannung im Saal, wie man sie nur sehr selten erlebt.

Genau das war es offenkundig, was die vier erreichen wollten. Und sie lösten es voll ein. Nicht eine Sekunde ließen sie den Anwesenden zum Luftholen während dieser durch und durch erschütternden Reise. Gleich die allerersten Takten des eröffnenden Adagio ma non troppo leuchteten sie in allen Farben aus, verschmolzen ihren Klang, atmeten wie ein einziger großer Organismus, stauten und beschleunigten das Tempo. Zärtlichkeit und Brachialität wechselten auf engstem Raum. Und immer klang es, als schöpften sie aus dem Moment.

Ob die granatenartig pfeifenden Töne von Dmitri Schostakowitsch oder das kreatürliche Gewimmel eines György Kurtág, der Abschiedsgesang des Barber-Adagio oder die Aufschreie der Geige bei Pawel Szymański, oft schienen die späteren Kollegen Beethovens Musik vorwegzunehmen. Diese chronologische Verschränkung war natürlich eine dramaturgische Raffinesse – und eine Verneigung vor einem Komponisten, der die Musikgeschichte geprägt hat wie kaum ein Zweiter. Und dem die Glücklichen, die dabei waren, an diesem Abend gleichsam die Seele schauen durften.