Theaterkritik

Wem gehört mein Sterben? Das Publikum darf entscheiden

Etwas statisch geraten: Hannelore Droege (Mitte) mit Georg Münzel und Anne Schieber am Altonaer Theater.

Etwas statisch geraten: Hannelore Droege (Mitte) mit Georg Münzel und Anne Schieber am Altonaer Theater.

Foto: G2 Baraniak

Das Thema Tod ist mit Tabus und Verdrängung belegt. In Ferdinand von Schirachs neuem Stück "Gott" geht es um Sterbehilfe.

Hamburg. Einmal Gott spielen. Über Leben und Tod entscheiden. Wenn das nur so einfach wäre. Der Autor Ferdinand von Schirach gilt als Experte für pseudodokumentarisches Tribunal-Theater inklusive demokratischer Abstimmung des Publikums am Schluss. Nach seinem Erfolgsstück „Terror“ haben vergangene Woche Bühnen in Düsseldorf und Berlin von Schirachs neues Stück mit dem nicht eben bescheidenen Titel „Gott“ uraufgeführt. Nun folgte mit dem Altonaer Theater in Hamburg die erste private Bühne in der Regie von Hausherr Axel Schneider.

Die auch von Schneider errichtete Bühnensituation ist pandemiekompatibel. Hölzerne Stehpulte und Hocker bilden ein Rund mit reichlich Abstand. Gemütlichkeit will da trotz Sesseln und Blumen im Hintergrund nicht recht aufkommen. Es tagt – aus freien Stücken – der Ethikrat. Obwohl hier niemand vor Gericht steht oder verurteilt wird, ergreifen unter dem Vorsitz von Nadja Wünsche Sachverständige das Wort, werden Plädoyers gehalten, kommt es zum teilweise hitzigen Streit. Vor realem Hintergrund und ernstem Thema.

"Gott": Ein ethisch geprägter, rhetorischer Schlagabtausch

Seit Februar ist das Verbot geschäftsmäßiger Suizidhilfe durch das Bundesverfassungsgericht aufgehoben. Das bedeutet, dass ärztliche Beihilfe zum Suizid, etwa die Beschaffung eines tödlichen Medikaments, erlaubt ist. Das Grundgesetz enthalte das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben, so die Begründung. Aus den Fragen von Recht und Moral entwickelt der studierte Jurist von Schirach nun einen klassisch ethisch geprägten, rhetorischen Schlagabtausch.

Der Abend ist lohnend für Zuschauer, die gerne Diskurswindungen folgen, vielleicht auch Gerichts-Shows und Anwaltsserien schätzen. Denn es gibt weder eine sinnliche Szenerie oder eine Handlung im klassischen Sinne noch sind die auftretenden Figuren als wirkliche Charaktere mit beglaubigten Biografien gezeichnet. Es sind typisierte Personen, die ihre Haltung beziehungsweise die ihres Berufsstandes, vor sich hertragen.

Stück bietet wenig Gelegenheit für theatrale Momente

Am Altonaer Theater ist das akkurat gespielt, fesselnd, häufig klar formuliert, manchmal aber auch arg pathetisch oder schlicht etwas spröde. Das Stück liefert eher ein Gedankenspiel und bietet wenig Gelegenheit für theatrale Momente. Die drei Sachverständigen scheinen in erster Linie an dem Klang ihrer Argumente interessiert, weniger an dem Schicksal des Mannes, um den es in dieser Versuchsanordnung beispielhaft geht.

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Der Architekt Richard Gärtner will sterben. Jahre nach dem Krebstod seiner Frau sieht er trotz Kindern und Enkeln keinen Sinn mehr im Dasein. Er fühle sich halbiert, sagt Jacques Ullrich als Gärtner, überzeugt von seinem Vorhaben, das er eigentlich gar nicht öffentlich begründen will. Aber hier solle es um die Frage gehen: „Wem gehört mein Sterben?“ Als Vertreter des aufgeklärten Geistes fordert Gärtners Anwalt Biegler, (Dirk Hoener lässig in Anzug mit Rolli und Sneakern), die Garantie der Freiheit, nicht leiden zu müssen: „Wir sollten ,Suizid’ sagen, nicht ,Selbstmord’. Sich selbst zu töten ist kein Mord.“

„Tatsächlich gibt es keine Rechtspflicht zu leben“

Den juristischen Sachverstand vertritt überzeugend Hannelore Droege mit der Grandezza ihrer Lebenserfahrung. Dem Einwand von Ethikrat-Mitglied Dr. Keller (sachlich bis nüchtern: Ole Schloßhauer), es könne nicht Staatsaufgabe sein, beim Suizid zu helfen, kontert sie: „Tatsächlich gibt es keine Rechtspflicht zu leben.“ Die Freiheit des Individuums, über den eigenen Tod zu entscheiden, wurde bestätigt, das gelte es auch gesellschaftlich umzusetzen. Es ist offensichtlich, dass die Juristin die Sympathien des Autors genießt, stärker als der Bischof und die Vertreterin der Bundesärztekammer mit ihren Einwänden.

Für die Ärzteschaft beruft sich Professorin Sperling (Anne Schieber) auf den Eid des Hippokrates, das Gelöbnis, Leben zu erhalten, Leiden zu lindern und Sterbenden beizustehen. Hilfe bei der Selbsttötung? „Das ist keine Sterbebegleitung.“ Sollen also nun Ärzte gesunden Menschen ein tödliches Medikament verabreichen? Droht in der Folge Euthanasie, wenn Kategorien von „unwertem Leben“ wieder herumgeistern? Als mit Bischof Thiel (mit heiligem Ernst: Georg Münzel) der dritte Sachverständige aufgerufen wird, kommt eine staatstragendes Schwere in die Debatte. „Ich glaube an das Leben. (...) Das Leben ist heilig, weil es in Beziehung zu Gott steht.“ Man kann dem Abend nicht vorhalten, dass er nicht alle Sichtweisen berücksichtigen würde.

Das Publikum darf abstimmen

Das Thema Tod und Sterben ist für jeden Menschen emotional. Auch ist es mit Tabus und Verdrängung belegt. Angesichts dessen ist der Ton auch beim Schlagabtausch mit Dr. Keller angemessen distanziert. Die Texte verharren jedoch auf der Ebene einer Sachverständigensprache, die mitunter ermüdet. Und so ist man froh, auch einfach mal den erlösenden Satz zu hören: „Keine weiteren Fragen“.

Die abschließende Abstimmung im Publikum dürfte im Sinne des Autors ausgefallen sein: Von 128 Zuschauern stimmen 93 für die Freiheit, ein todbringendes Medikament zu erhalten, 35 sprechen sich dagegen aus.

Bei aller Mühe mit der Formstrenge, einem Nachdenken über die komplexen Folgen der Gerichtsentscheidung im Alltag kann sich niemand entziehen.

„Gott“ bis 11.10., Altonaer Theater, Museumstr. 17, Karten unter T. 39 90 58 70

Podcast Mehr zur neuen Spielzeit am Altonaer Theater im Podcast „Saisonstart“ mit Intendant Axel Schneider. Alle Folgen kostenlos: www.abendblatt.de/podcast/saisonstart