Kritik

Ein zweistündiger Theaterabend, dem die Sinnlichkeit fehlt

Nico-Alexander Wilhelm und Severin Mauchle in „Die Mitte der Welt“ im Jungen Schauspielhaus.

Nico-Alexander Wilhelm und Severin Mauchle in „Die Mitte der Welt“ im Jungen Schauspielhaus.

Foto: Sinje Hasheider

Theateradaption von Andreas Steinhöfels Erfolgsroman „Die Mitte der Welt“ feierte Premiere am Jungen Schauspielhaus.

Hamburg.  Severin Mauchle und Nico-Alexander Wilhelm leben in einer WG. Das ist gut, weil die beiden Ensemblemitglieder am Jungen Schauspielhaus sich deswegen auch auf der Bühne nahe kommen dürfen, trotz Corona. Weswegen Mauchle und Wilhelm das Liebespaar Phil und Nicolas in Andreas Steinhöfels „Die Mitte der Welt“ mit der gebotenen Nähe spielen können – als tastendes Umkreisen der Körper.

Damit ist der größte Reiz der Aufführung allerdings auch schon beschrieben. Steinhöfels Erfolgsroman ist vieles, eine Geschichte über Außenseitertum, über Familie, über den Widerspruch zwischen Provinz und weiter Welt – nicht zuletzt aber auch eine schwule Coming-of-Age-Geschichte von einer für Jugendliteratur seltenen Offenheit. Die meisten Theaterfassungen des Romans (und auch Jakob M. Erwas Verfilmung von 2016) konzentrierten sich auf diesen Aspekt, Moritz Beichls Inszenierung am Jungen Schauspielhaus aber lässt ihn im Hintergrund. Ja, zwei 17-Jährige sind schwul, na und?

Jungen Schauspielhaus: Ensemble macht seinen Job toll

Man kann verstehen, dass Beichl, der zuletzt an der Kirchenallee Hermann Hesses „Demian“ inszenierte, keine Lust hat, als Spezialist für homoerotische Themen abgestempelt zu werden. Und auch Autor Steinhöfel beschreibt Homosexualität im Programmheft als „Nebenaspekt“ der Erzählung, allein: Die übrige Handlung gibt deutlich weniger dramatischen Stoff her. Und dass Beichl die lineare Erzählung bricht, indem er einen alternden Phil (Hermann Book) das Geschehen aus der Zukunft kommentieren lässt, tut der Konzentration ebenfalls nicht gut.

Dabei macht das Ensemble seinen Job toll. Christine Ochsenhofer als Phils Mutter Glass, Marie Scharf als seine Schwester Dianne, Genet Zegay als seine Freundin Kat: reizend gebrochene Figuren. Gespielt wird auf einem Sperrholzverschlag, halb zusammengebrochene Hütte, halb gestrandetes Schiff (Ausstattung: Ute Radler), und zwischendurch werden immer wieder Videos und Popsongs eingespielt. Und in einer klug gesetzten Videosequenz (Moritz Hils) wird Obst bearbeitet: Eine Papaya wird entkernt, eine Erdbeere zermatscht, es wird geleckt, geschlürft, gekostet.

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Aufführung am Jungen Schaulspielhaus fehlt Sinnlichkeit

Und spätestens jetzt hat man endgültig verstanden, was der Aufführung fehlt: Sinnlichkeit, Körper, Berührungen. Beichls Regiekonzept setzt dagegen auf Erinnerungsarbeit, Familienanalyse und literarische Durchdringung des Textes. Das ist ehrenwert, es macht den zweistündigen Abend allerdings auch ein wenig dröge.

„Die Mitte der Welt“ wieder am 12., 13., 14., 15. September, 19 Uhr, Schauspielhaus (Große Probebühne), Kirchenallee 39, Tickets: T. 248713