Auftakt 75. Spielzeit

Was kommt nach dem Super-GAU? Antworten in den Kammerspielen

Nachdenklich: Ex-Nuklearwissenschaftler Robin (Mathieu Carrière) hat Besuch von seiner Ex-Flamme Rose (Marion Martienzen) bekommen.

Nachdenklich: Ex-Nuklearwissenschaftler Robin (Mathieu Carrière) hat Besuch von seiner Ex-Flamme Rose (Marion Martienzen) bekommen.

Foto: Bo Lahola

Das Öko-Drama „Die Kinder“ eröffnete mit Marion Kracht und Mathieu Carrière die Jubiläums-Saison der Traditionsbühne in Rotherbaum.

Hamburg. Was ist Mut, noch dazu in in ungewissen Zeiten wie diesen? Was ist Verantwortung – und wo hört sie auf? Fragen, die sich fortan in den Hamburger Kammerspielen stellen. Aber braucht es schon Mut, trotz Corona-Pandemie eine Theatervorstellung zu besuchen? Auch die Traditionsbühne in Rotherbaum hat nach einem halben Jahr Schließung alles zur Sicherheit der zurzeit nur 130 erlaubten Besucher pro Vorstellung getan.

Die neue Spielzeit ist in doppelter Hinsicht eine historische: Und so dankte Intendant Axel Schneider vor der ersten Premiere der 75. Saison nicht nur Kulturbehörde, Volksbühne und Theatergemeinde sowie den zahlreichen Spendern und Förderern für die Hilfe in den vergangenen Monaten. „Wir wollen weiterhin schwierige Themen anfassen“, betonte Schneider das Ziel, in dem 1945 von Ida Ehre gegründeten Theater einmal mehr zeitgenössisch-kritische Stücke zu spielen – bewusst auch jenseits von Corona.

Pseudo-Idyll an der englischen Ostküste

Die drei Protagonisten von „Die Kinder“ würden mit jeweils über 60 Jahren alle zur gegenwärtigen sogenannten Risikogruppe gehören. Doch sind man und frau das als ehemalige Mitarbeiter eines Atomkraftwerks nicht ohnehin? Bald zehn Jahre nach den katastrophalen Un- und Störfällen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima am 11. März 2011 und 34 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in der damaligen UdSSR ist die Gefahr eines Super-GAU noch immer vorhanden.

Hazel und Robin haben solch einen nach Erdbeben und Flutwelle überlebt, das gealterte Nuklearwissenschaftler-Paar wohnt seit Jahren in einem Ferienhaus an der englischen Ostküste unweit der Sperrzone. Als beider Ex-Freundin und -Kollegin Rose auftaucht, die mehr als 30 Jahre in den USA verbracht hat, wird das Pseudo-Idyll jäh gestört.

Lucy Kirkwood schrieb Dreiecksgeschichte mit Strahlkraft

Hazel wittert Ungemach, denn Robin hatte mal eine Affäre mit Rose. Doch dem ungebetenen Gast aus Amerika geht es nicht um ein Liebes-Comeback, Rose möchte sich ihrer Verantwortung als Wissenschaftlerin stellen: Sie will Hazel und Robin gewinnen, mit ihr ins havarierte AKW zu gehen, um dort jüngere Mitarbeiter zu entlasten und diese möglicherweise zu retten.

„Die Kinder“, diese Mé­nage-à-trois mit Strahlkraft respektive mit Strahlung, passt als intimes Kammerspiel perfekt in die Hamburger Kammerspiele. In Echtzeit und auf beengtem Raum entwickelt sich im vier Jahre alten Stück von Lucy Kirkwood (36) eine Dreiecksgeschichte, die einen als Zuschauer in 100 Minuten mehr und mehr gefangen nimmt. Das liegt zunächst an der richtig schön boshaften Sprache der britischen Jungautorin und der deutschen Übersetzung Corinna Brochers. Ganz wegzuziehen hätte sich wie Verrat angefühlt, meint etwa Hazel. „Außerdem sind Rentner wie Atomkraftwerke. Wir leben gerne am Meer“, sagt sie zu Rose.

Marion Kracht, bisher an der Komödie Winterhude

Zudem ist das Stück nicht nur prominent, sondern auch treffend besetzt. TV-Star Marion Kracht, in Hamburg bisher an der Komödie Winterhude zu erleben, gibt in diesem Drama in grünem Regenmantel, bunter Schürze und in Gummistiefeln die energische, auch mal nervende und ökologisch gewendete vierfache Mutter und Oma Hazel. Herb und doch fein. Ihr sind Salat, Cracker, Mineralwasser und Yoga näher als Wein, Fleisch und Gesang. Marion Martienzen als Rose spielt als coole, bindungsunfähige, aber noch immer attraktive Single-Frau den Gegenpart leidend gut und berührend, ohne berührt zu werden.

Eine Frau, die auf Robin noch immer Anziehungskraft ausübt. Es ist – trotz des ernsten Hintergrunds – komisch zu erleben, wie Mathieu Carrière in seiner Rolle auf einem Kinder-Dreirad plötzlich ins Haus rollt, gekleidet in einen Schutzanzug mit Brille, und sich damit brüstet, das Rad vor der Flut gerettet zu haben, ehe ihn seine Frau mitsamt Spielgerät erst mal dekontaminiert.

Mathieu Carrière drehte einst mit Romy Schneider

Regisseur Sewan Latchinian, Künstlerischer Leiter der Kammerspiele, setzt auch den früheren Filmstar, der einst mit Weltstars wie Romy Schneider oder Claudia Cardinale drehte, so ein, dass man Carrière den Wandel vom selbstherrlichen Möchtegern-Okö-Bauern zum nachdenklichen Ex-Wissenschaftler abnimmt. Insgesamt die wohl bisher reifste Regie-Leistung Latchinians in seinen bisher eineinhalb Kammerspiele-Jahren auf der von Ausstatter Stephan Fernau bewusst leicht nach vorn geneigten Bühne. Eine erkennbare Handschrift. Am Ende minutenlanger und ehrlicher Beifall des Premierenpublikums für alle Beteiligten.

„Wozu ist der Mensch fähig?“, lautet das Leitmotiv von Latchinian und Intendant Schneider für die neue Kammerspiele-Saison. Das erste Stück, ein Spiel zwischen Mikro- und Makrokosmos, zeigt auch, wie kindisch sich Erwachsene benehmen, wenn es um die Verpflichtung gegenüber Kindern geht. Auch eine Frage der Verantwortung. Und der Mut? Sogar eine kleine Premierenfeier im Café Jerusalem und im eigens geöffneten Logensaal des Hauses gab es noch. Auf Abstand - aber nur, wer wollte.

„Die Kinder“ wieder Mi 9.9., bis 17.10., jew. 19.30, So 18.00, Kammerspiele (U Hallerstraße), Hartungstraße 9–11, Karten zu 19,– bis 41, auch in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32, Ticket-Hotline T. 30 30 98 98: www.hamburger-kammerspiele.de