Premierenkritik

Die Freiheit zu spielen ganz ausgekostet

Barbara Nüsse als Elisabeth und Karin Neuhäuser als „Maris Stuart“ zelebrieren ihren Zickenkrieg.

Barbara Nüsse als Elisabeth und Karin Neuhäuser als „Maris Stuart“ zelebrieren ihren Zickenkrieg.

Foto: Armin Smailovic

Am Thalia kondensiert Antú Romero Nunes drei Schiller-Klassiker zur „Ode an die Freiheit“. Und feiert vor allem die Schauspielkunst.

Hamburg.  „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist – und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Friedrich Schiller. Wahrscheinlich gibt es im großen Dichter-Zitate-Fundus keines, das so sehr auf die Wiedereröffnung der Theaterbühnen passt wie dieses. Endlich wieder spielen, endlich wieder anderen beim Spiel zusehen. Und das Mensch-Sein spüren.

„Ode an das Spiel“ hat darum der Regisseur Antú Romero Nunes sein Triptychon aus Schiller-Bestsellern genannt, das am Thalia Theater nun Monate nach dem eigentlich geplanten Termin… Moment, nein: „Ode an die Freiheit“ heißt der aus „Wilhelm Tell“, „Kabale und Liebe“ und „Maria Stuart“ montierte Abend natürlich, immer noch, so nämlich lautete der Titel schon vor der pandemiebedingten Zwangspause. Vor Corona, eine halbe Ewigkeit her! Was ihm nun eine Hürde einbaut, für die er allerdings rein gar nichts kann. Denn „Freiheit“, ausgerechnet, gehört ja seit Corona und der heftigen Kritik an den entsprechenden Maßnahmen zu den umkämpftesten Begriffen der Gegenwart. Wo liegen die Grenzen der Freiheit, wer bestimmt, wer definiert sie? Kann man für die Freiheit und trotzdem auf dem Holzweg sein?

Ein brandaktuelles Thema. Für den Bezug, zumal direkt am Wochenende des Anti-Masken-Aufmarsches von Berlin, der ebenfalls „Freiheit“ für sich proklamierte, muss hier aber das Publikum schon selbst sorgen, das sich – neue Normalität – im Thalia auf jede zweite Reihe und jeden vierten Platz verteilt. Und nun zuallererst Wilhelm Tell begegnet, dem „Querdenker“, der in seiner Struppigkeit und wütenden Verstocktheit mühelos in manche Impfgegner-Schablone passt. Aber das mag die tagespolitische Färbung des Zuschauer-Blicks sein, während abwechselnd Schwyzer Armbrust oder Schwyzer Alphorn ins Parkett weisen und Paul Schröder als Zottel-Tell mit Thomas Niehaus (Walter/Gessler) lustvoll und lässig zwischen Pathos und „Chchrräse“-Ricola-Jokes jongliert. Dramatisch ragt dazu das Bergpanorama bis in den Schnürboden, der Traum jedes Kulissenmalers. Trotz der ironischen Brechung (Bühne: Matthias Koch).

Ode an die Schauspielkunst

Auch der zweite Teil des pausen- und auch sonst übergangslosen Abends ist ein so genau wie geradezu schwelgerisch gearbeitetes Klassiker-Kondensat, eine Ode an die Schauspielkunst: das Trauerspiel „Kabale und Liebe“, eingedampft auf drei Personen. Die Glanzmomente teilen sich Lisa Hagmeister als Luise, Jörg Pohl als Abziehbild des überforderten Patriarchats mit jovialem Tom-Selleck-Schnauzer und Cathérine Seifert als Mutter Miller und Lady Milford, allesamt pompös-pastellig ausstaffiert und großzügig perückt (Kostüme: Victoria Behr). Genau die richtige Umdrehung zu viel hat das, ist zugleich voller Leichtigkeit und dramatischer Hingabe und schauspielerisch ein Hochgenuss. Gespielt wird auch hier vor allem mit dem Spiel selbst – und mit der Freiheit, der Handlung einen alternativen Ausgang zu verpassen.

Eine hübsche lokalpatriotische Facette kommt zudem nicht zu kurz, Lady Milford nämlich verschlägt es bei Schiller nach Hamburg: „Ich spazierte damals an den Ufern der Elbe, sah in den Strom und fing eben an zu phantasieren, ob dieses Wasser oder mein Leiden das Tiefste wäre?“ Ein „Schiller-Walk“, wenn man so will, so jedenfalls nennt das Thalia nun auch eine Art assoziative Schnitzeljagd, die, wenn man möchte, die Premiere nach draußen verlängert.

Videoclips ergänze reale Stationen im Umfeld des Theaters

Videoclips ergänzen dabei reale Stationen im Umfeld des Theaters, die – mit dem Smartphone zur Hand – auf Entdeckung warten. Hier ein Friseursalon („Schillerlocke“), dort ein „F“ wie Friedrich, da die „Glocke“… Verwegen wird assoziiert, kühn kombiniert, was die Umgebung, das Netz und die dramaturgischen Hirnwindungen so hergeben. Auch die Milford-Passage findet sich im „Schiller-Walk“. Beregnet wird im zugehörigen Clip allerdings die graue Alster, nicht die Elbe. Na, Hauptsache Wasser.

Aber zunächst, noch auf der Bühne: eine doppelte Dosis Doyenne-Temperament mit Barbara Nüsse und Karin Neuhäuser, die sich als Elisabeth und „Maria Stuart“ ein Zickenkrieg-Picknick auf allerhöchstem Niveau liefern. Zwei Zankweiber, einander in leidenschaftlicher Verachtung herzlich verbunden, die einen rauschhaften Dialog abliefern, dem zu lauschen so dankbar wie demütig macht, gegenüber der Literatur, der umwerfenden Sprache und dem hier zelebrierten Schauspielertheater.

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Während des Lockdowns hatte Nunes die Szene als Film auf der Thalia-Website gezeigt, mit Josef Ostendorf als einzigem Zuschauer und mit einem Blick hinter die Kulissen. Die „Maria Stuart“ erhielt so eine weitere Dimension, die Kraft der Darstellerinnen übertrug sich trotz der räumlichen Trennung. Sinn und Ernsthaftigkeit des Spiels gerieten ins Zentrum. Auch diese Arbeit, so entseelt Theater am Bildschirm bisweilen sein kann, war eine geglückte „Ode an das Spiel“. Nun zeigt sich die Lücke von damals – der Kameraschwenk von der Bühne ins leere Parkett – zumindest teilweise gefüllt. Noch fühlt es sich dennoch merkwürdig an, in so viel leerem Raum zu sitzen, noch wirkt die Begeisterung nach dem flotten Dreier ungewohnt tastend. Auch auf der Bühne, so scheint es, herrscht ein kurzer Moment der Verunsicherung – dann aber überwiegt die Euphorie: Mehr als zwei Stunden haben sie sich um Abstand bemüht (geküsst wird Luise durch eine Plexiglasscheibe), aber ganz am Ende, beim Schlussapplaus, ist die Nähe der Schauspieler untereinander doch nicht mehr ganz zu vermeiden.

In einem der Schnitzeljagd-Clips fasst übrigens der Schiller-Biograf Rüdiger Safranski den auch dem Dichter zugeschriebenen Überschwang ganz gut zusammen. Krank sei Schiller gewesen, sehr krank sogar, seine Lunge (ausgerechnet, schon hat man wieder die Verbindung zur Verletzlichkeit der Gegenwart) zerfressen. Aber sein Lebenswillen war ungebrochen: „Idealismus ist, wenn man trotzdem leben kann“, formuliert es Safranski. Das ist leicht auf das Theater dieser Tage übertragbar. Ein pandemiebedingt zerrupftes Parkett – aber die Freiheit zu spielen voll ausgekostet.