Film-Kritik

„Exil“ von Visar Morina : Einzelhaft, aber ohne Gitter

Drinnen vor der Tür: Mišel Matičevićć in „Exil“.

Drinnen vor der Tür: Mišel Matičevićć in „Exil“.

Foto: Alamode

Neu im Kino: „Exil“ ist das Psychogramm eines Mannes, der spürt, wie ihn seine Wirklichkeit ausgrenzt.

Hamburg. Der Mann schwitzt den Hemdkragen nass. Aus Angst? Es kann auch einfach am Sommer liegen. Aber die Straße, die Vorstadt, durch die er läuft, ist geisterhaft leer. Als ob man ihn schneiden wolle. Das kann auch Zufall sein. Oder Einbildung. Eines Tages aber hängt eine tote Ratte an der Gartentür. Xhafer (Mišel Matičević) hat Angst vor Ratten. Das hat er in seiner Personalakte angegeben.

Der Mittvierziger fühlte sich immer schon geschnitten. Nicht ganz ernst genommen. Und gemobbt. Weil er einen Migrationshintergrund hat und sein Name schwer auszusprechen ist. Immer wieder wird er als Einziger nicht informiert, wenn eine Betriebsversammlung in einen anderen Konferenzraum verlegt wird. Immer wieder auch kommt eine Mail, die an alle Angestellte verschickt wurde, nicht bei ihm an. Aber keiner will das glauben. Auch seine deutsche Frau Nora (Sandra Hüller) nicht. Bislang konnte man denken, sie habe recht. Aber jetzt nicht mehr. Jetzt hängt da diese Ratte. Und etwas in Xhafer implodiert.

Regisseur und Drehbuchautor Visar Morina verarbeitet eigene Erfahrungen

Der Mann, der aus dem Kosovo kommt, führt eigentlich ein behagliches Leben. Als Pharmaingenieur hat er es in einer typischen deutschen Vorortsiedlung zu etwas Wohlstand gebracht, mit Frau, Kindern und Eigenheim. Das mag spießbürgerlich sein. Aber er ist ein Teil der Gesellschaft. Die Ratte indes überzeugt ihn vom Gegenteil. Fortan sind seine Sinne geschärft. In jedem falschen Wort, jedem so dahingesagten Wort wittert er eine Beleidigung, eine Demütigung. Und wird immer aggressiver.

„Exil“ ist das Psychogramm eines vermeintlich integrierten Mannes, der doch nie ganz angekommen ist in seiner neuen Heimat. Regisseur und Drehbuchautor Visar Morina verarbeitet eigene Erfahrungen, wie er in Deutschland mit Migrationshintergrund behandelt wurde. Auch sein Star könnte davon erzählen: Mišel Matičević, ein deutscher Filmstar mit kroatischem Hintergrund.

Mati­čević agiert ungewohnt zurückgenommen

Die Geschichte wird ganz aus der Perspektive seiner Figur erzählt. Dabei agiert Mati­čević, sonst ein sehr physischer Schauspieler, ungewohnt zurückgenommen. Die Miene sto­isch, der Gang gebeugt, als ginge er zum Schafott, die Lippen oft nur ein Strich, unfähig, sich zu vermitteln. Immer wieder läuft er durch lange, leere Straßen oder lange, leere Gänge, die sein Allein-, sein Ausgestoßensein unterstreichen.

Dabei lässt der Film bewusst offen, was dabei noch wahr ist und was schon Wahn. Ob Xhafer wirklich ausgegrenzt wird oder ob er sich selbst in die Rolle eines Mobbingopfers hineinsteigert, dass er überall nach einer Bestätigung dafür sucht. Und in Paranoia verfällt. Dabei wird dieser Xhafer durchaus nicht als reiner Sympathieträger dargestellt. Er hintergeht seine Frau. Wacht eifersüchtig, ja kontrollsüchtig über sie. Und wird dabei auch laut. Sogar handgreiflich. Was dann nur die Vorurteile, unter denen er leidet, zu bestätigen scheint. Dass ein „Südländer“ sich halt nicht beherrschen kann. Doch es bleibt nicht bei der Ratte am Gatter, irgendwann steht auch der Kinderwagen vor dem Haus in Flammen.

Beklemmende Psychostudie

„Exil“ ist eine beklemmende Psychostudie über einen Mann, der nicht nur ins Ausland gegangen ist, sondern auch ins innere Exil geht. Ein Film, der deutlich macht, dass es nicht nur offene Fremdenfeindlichkeit gibt, sondern auch subtilere Formen, wenn man sich über jemanden lustig macht oder wie ein Kind behandelt. Ein Film, der bestens in unsere Zeit passt, wo überall immer mehr fremdenfeindliche Übergriffe verzeichnet werden. Aber auch jeder Zuschauer, der sich für tolerant und offen hält, wird sich danach bestenfalls fragen, ob er nicht doch ab und an Verhaltensformen anwendet, die falsch verstanden werden könnten. Schon damit hätte der Film viel erreicht.

„Exil“ 121 Minuten, ab 12 J., läuft im Abaton