Kinokritik

Der Mann, der Deutschland den Spiegel vorhielt

Es lebe das Chaos! Eine Szene des Films "Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien".

Es lebe das Chaos! Eine Szene des Films "Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien".

Foto: - / dpa

Neu im Kino: Der Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ von Bettina Böhler.

Hamburg. Er malt seine Lebenslinien auf den Boden. Mit dickem schwarzen Stift und kräftigen Linien. Die, wo er herkommt, und die, wo er, nach eigenem Bekunden, „hinsaust“. Er malt einen Toleranzbereich, in dem er sich sicher bewegt. Und über den er auch schon mal hinausschießt. Er möchte eine Art Chaossituation schaffen, sagt er, „weil ich nicht genau weiß, wer ich bin“. Und sich über sein Wirken erkennen. Voller Optimismus aber zieht er seine Lebenslinie weiter, bis 2030, bis 2040, vielleicht sogar bis 2050, „als Ideal“. Das war 2008. Da wusste er schon von seinem Lungenkrebs.

Christoph Schlingensief war lange das Enfant terrible des deutschen Kulturbetriebs, das mit seinen Trash-Filmen und Agitprop-Aktionen das Bürgertum provozierte. Und das Publikum spaltete. Wobei man diesem Rebell mit seinem Bubengesicht und Strubbelhaar nie so ganz böse sein konnte. Irgendwie wirkte das immer auch wie Dumme-Jungen-Streiche eines Spätpubertierenden. Und doch war er einer der politischsten Künstler des Landes, der sich auch immerzu an Deutschland abgearbeitet, ihm den Spiegel vorgehalten hat.

Der ewige Bube wurde zuletzt fast heiliggesprochen

Dafür nahm er auch in Kauf, von beleidigten Politikern angezeigt oder von Polizisten abgeführt zu werden. Zeitlebens hat Schlingensief den politischen Diskurs befeuert und die Debatte, was (noch) Kunst ist und was sie darf. Lange wurde darüber und auch über ihn hart diskutiert. Bis die Subversion zum Konsens wurde. Und sein frühes Sterben zu einer Wahrnehmungsveränderung führte. Den ewigen Buben umwehte plötzlich eine erschütternde Tragik, zuletzt wurde er fast heiliggesprochen. Und auch lange nach seinem Tod im Alter von nur 49 Jahren wirkt er noch nach.

In diesem Jahr wäre er 60 Jahre alt geworden. Am 21. August ist sein zehnter Todestag. Just in dieser Woche kommt nun ein Dokumentarfilm ins Kino, der seiner nicht nur auf wunderbare Weise gedenkt, sondern ihn sogar ein bisschen auferstehen lässt. In „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ wandelt der Multimediakünstler quasi durch sein eigenes Schaffen. Und kommentiert sich immerzu selbst.

Regiedebüt von Bettina Böhler

Es ist das Regiedebüt von Bettina Böhler, einer der besten Cutterinnen des deutschen Kinos, die mit Christian Petzold, Valeska Grisebach und anderen Größen der Berliner Schule gearbeitet hat, aber auch mit Dani Levy, Margarethe von Trotta und Oskar Roehler. Und eben Schlingensief, mit dem sie „Terror 2000“ und „Die 120 Tage von Bottrop“ gemacht hat. Mit ihm verband sie eine enge Freundschaft. Nun hat sie – seltsam genug, dass es das noch nicht gab – das erste umfassende Filmporträt über den Ausnahmekünstler geschaffen.

Böhler hat dabei das getan, was sie am besten kann. Sie montierte aus einer in diesem Fall schier unübersichtlichen Fülle an Material ein meisterhaftes, oft berührendes und dann auch wieder sehr komisches Porträt. Und schafft zugleich die Illusion, Schlingensief sei noch am Leben und gebe dem Zuschauer eine Lektion in eigener Sache. „Ein Schlingensief-Film mit Schlingensief-Mitteln“, wie sie selbst sagt. Man könnte auch in dem ihm eigenen, nie zimperlichen Duktus sagen: Schlingensief total.

Schlingensief war auch mit der Familie Goebbels verwandt

Böhler lässt auch Weggefährten zu Wort kommen. Und kann vor allem auf sehr persönliches, frühes Material zurückgreifen. Und auch ganz private Familienfilme. Der Vater, er war ohnehin schuld an allem. Im positiven Sinn. Als Apotheker hat er, wie der Sohn doziert, Menschen geheilt, indem er ihnen Arzneien gab, die nichts anderes seien als Miniportionen von Gift. Eine Provokation des Körpers, zur eigenen Reinigung.

Nichts anderes hat Schlingensief später mit seinen Kunstaktionen gemacht: Provokation zur Selbstreinigung. Als erste Ausdrucksmöglichkeit hat er nicht nur die väterliche Super-8-Kamera benutzt. Der Vater hat ihm auch einen Aha-Effekt beschert: als er, ohne es zu merken, einen Film doppelt belichtete. Und die erstaunte Familie plötzlich zwei Bilder auf einmal sah. Das war die Ur-Idee, Dinge übereinanderzulegen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, um neue Perspektiven zu schaffen.

Schlingensief war kein typischer 68er

Dabei war Schlingensief kein typischer 68er, der sich gegen ein strenges Elternhaus auflehnen musste. Im Gegenteil, immer wieder sind die Eltern zu sehen, wie sie sich oft ratlos, auch hilflos von ihrem Sohnemann filmen lassen. Sich wohl zuweilen auch schämen für ihn. Aber doch immer hinter ihm stehen. Schlingensief war über einige Ecken auch mit der Familie Goebbels verwandt. Er hatte Angst, deren Moleküle in sich zu tragen. Und er hat sie sich selbst und der Nation immer wieder wegexorziert: etwa mit dem Film „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzten Stunden im Führerbunker“. Hat sich immer wieder an seinem Land abgearbeitet, mit Heimatfilmen der anderen Art wie „Das deutsche Kettensägenmassaker“ als sehr eigenen Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung. Oder schließlich auch mit seiner überraschenden, aber dann gar nicht so überraschend abgesetzten Wagner-Inszenierung in Bayreuth.

Seine Kunst war, wie er selbst sagt, ein „positiver Dilettantismus“. Zweimal hat er sich an einer Filmhochschule beworben, zweimal wurde er abgeschmettert. Und bis Frank Castorf ihn ermunterte, an der Volksbühne zu inszenieren, ist er nie im Theater gewesen, weil er es stinklangweilig fand. Er hat sich diese Kunstformen aber erobert, man könnte auch sagen: wie ein Pirat geentert. Als Verfechter, auch das O-Ton Schlingensief, „des Theaters der Handgreiflichkeiten, des Kinos der Überforderungen“. Wobei die Selbstinszenierung des Egoshooters immer ein fester Bestandteil des Œuvres und nicht davon zu trennen war.

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Man kann nur ahnen, was für spektakuläre Aktionen Schlingensief heutzutage veranstalten, wie er auf aktuelle Krisen wie Rechtsruck, Klimawandel oder auch Corona reagieren würde. Doch eines ist sicher: Reagiert hätte er. Sein früher Tod hat eine große, Lücke gerissen, die seither niemand mehr richtig gefüllt hat. Auch das macht dieser schöne Film noch einmal sehr deutlich.

„Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“, 130 Min., ab 12 J., im Abaton, Blankeneser, 3001, Zeise