Theaterkritik

Diese Sommernachts-Premiere hätte Shakespeare gefallen

Regisseur Hartmut Uhlemann und sein Ensemble bespielen ein Klettergerüst

Regisseur Hartmut Uhlemann und sein Ensemble bespielen ein Klettergerüst

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

„Ein Sommernachtstraum auf St. Pauli“ im Theater in Planten un Blomen ist ein ästhetisches Leichtgewicht – aber ein reizvolles.

Hamburg.  Nach einer knappen Stunde stellt er sich dann ein, der Zauber einer Sommernacht. Da ist das Liebespaar Hermia und Lysander im verzauberten Wald von Planten un Blomen eingeschlafen, auf das Gesicht von Hermia-Darstellerin Nele Larsen legt sich ein letzter, warmer Sonnenstrahl, und diese Abendsonne auf Larsens geschlossenen Augen ist solch ein schönes, nicht wiederholbares Bild, spätestens jetzt hat einen Hartmut Uhlemanns Inszenierung „Ein Sommernachtstraum auf St. Pauli“ erwischt.

Von solchen Bildern lebt Open-Air-Theater: von Momenten, in denen die Umwelt sich ins Spiel einschreibt, von Momenten, in denen egal ist, dass man vom Shakespeare-Text nur Bruchstücke versteht, weil gerade ein Hubschrauber das Gelände überfliegt, weil vom nahen Café Latinpop herüberweht und von der Rollschuhbahn Sportlärm.

„Ein Sommernachtstraum“ in Planten un Blomen als Open Air

Im Grunde nämlich wählt Uhlemann, der unter anderem am Ernst Deutsch Theater als versierter Regiehandwerker bekannt ist, einen naheliegenden Weg: Er zeigt Shakespeares Komödie nicht als große Literatur, sondern als mal derbes, mal romantisches, mal poetisches Traumspiel in sommerlicher Stimmung (die sich am Premierenabend mit lauen Temperaturen auch einlöst). Einen Originalitätspreis bekommt man für solch ein Regiekonzept nicht. „Ein Sommernachtstraum“ wird häufig als sommerliches Open Air gezeigt. Aber warum nicht, solange die Aufführung funktioniert?

Und, ja, Uhlemanns „Sommernachtstraum“ funktioniert. Was nicht zuletzt an der Nonchalance liegt, mit der er den Stoff angeht. Vieles an diesem reizvoll unfertigen Abend wirkt zunächst improvisiert, entpuppt sich dann aber als interessante szenische Lösung, von den sparsamen, kleine Accessoires betonenden Kostümen Bernhard Westermanns über die Entscheidung, ausschließlich ein Klettergerüst auf dem Planten-un-Blomen-Spielplatz zu bespielen (und der Inszenierung so leichthändig eine weitere Dimension in die Höhe zuzufügen), bis zu den Mehrfachbesetzungen, die helfen, einzelne darstellerische Ungenauigkeiten auszugleichen.

Shakespeare: Als Bühne dient der Spielplatz in den Großen Wallanlagen

Jan-Philip Mähl und Bertram Bollow mögen als Lysander und Demetrius blass bleiben, im Spiel als Thisbe und Löwe sind sie hinreißend. Claudiu Mark Draghici ist als Egeus nichtssagend, als Elf aber ein Genuss. Ebba Ekholm als Hermia und Peter Squenz, Tom Keidel als Theseus und Oberon, Alina Hidiy als Hippolyta und Titania: Was auf der einen Seite nicht passt, passt auf der anderen umso besser.

Dass die Übergänge zwischen den Spielebenen nicht immer elegant gelöst sind – geschenkt. Mit Eleganz hat dieses spezielle Open-Air-Theater so wenig zu tun wie mit inhaltlicher Genauigkeit. Schon der Titel: Der als Bühne genutzte Spielplatz in den Großen Wallanlagen befindet sich nicht auf St. Pauli, sondern in der Neustadt. Was allerdings Gelegenheit gibt, die Antagonie Demetrius-Lysander mit (ein bisschen vielen) HSV–St. Pauli-Witzen zu verdeutlichen. Und so arbeitet Uhlemanns Inszenierung häufig: Wichtig ist das Ergebnis, nicht das Konzept. Das macht den Abend ein bisschen zum ästhetischen Leichtgewicht, aber: Das ist ein Sommernachtstraum ja eben auch. Shakespeare hätte es gefallen.

„Sommernachtstraum auf St. Pauli“ wieder am 13., 14., 18., 20., 21. 8., 20 Uhr, Spielplatz/Wallanlagen, 16., 22., 30. 8., 16.30 & 19 Uhr, 23. 8., 19 Uhr, Altonaer Volkspark, Waldbühne, Eintritt frei, Spenden erbeten, Reservierung nötig: www.sommernachtstraum-st-pauli.de