Schleswig-Holstein

Endlich wieder ein echtes Klassik-Konzert!

| Lesedauer: 6 Minuten
Marcus Stäbler
Justus Frantz (links) und Christoph Eschenbach auf der Freilichtbühne auf der Krusenkoppel in Kiel.

Justus Frantz (links) und Christoph Eschenbach auf der Freilichtbühne auf der Krusenkoppel in Kiel.

Foto: Axel Nickolaus / Marco Ehrhardt

„Sommer der Möglichkeiten“: Justus Frantz und Christoph Eschenbach spielten in Kiel vor 500 Live-Musik-Hungrigen.

Kiel. Die Starre im Kulturleben ist vorbei. Es bewegt sich was. Endlich! In vorsichtigen, meist eher kleinen, manchmal aber auch größeren Schritten. Dass wir im Juli wieder für ein Konzert – ja, ein echtes Live-Konzert, mit Publikum! - nach Kiel fahren können, wäre ja vor zwei Monaten kaum denkbar gewesen. Der „Sommer der Möglichkeiten“ machts möglich. So nennt das Schleswig-Holstein Musik Festival seinen coronabedingten Ersatzspielplan im Jahr 2020, der einen Großteil der Konzerte ins Radio, Fernsehen und Internet verlegt und spontan auf neue Regelungen reagiert. So wie beim Auftritt der beiden SHMF-Granden Justus Frantz und Christoph Eschenbach. Einen Tag nach hinten verschoben, das Ganze – und schon rutscht der Abend auf den 20. Juli, mit dem die aktuelle Verordnung in Schleswig-Holstein in Kraft tritt. In freier Luft sind jetzt Veranstaltungen mit bis zu 500 Personen erlaubt. Dafür lohnt es sich, in den Regionalexpress zu steigen.

Der holsteinische Himmel hat sich extra rausgeputzt, pittoreske Zuckerwattewolken begleiten die Fahrt an die Förde. Und auch Kiel selbst legt sich ins Zeug. Am Skandinavienkai thront die Stena Germanica, eine Fährschiff-Majestät in Weiß, 240 imposante Meter lang. Ostseeluft und Sommerbrise säumen den gut halbstündigen Fußweg zur Freilichtbühne auf der Krusenkoppel, einem Park am Rand vom Düsternbrooker Gehölz.

Auf die sonst übliche Beflaggung mit Plakaten und Hinweisschildern verzichtet das Festival in diesem Jahr. Der Einlass ist trotzdem schnell gefunden: dort, wo viele Menschen mit Disziplin und Abstand Schlange gehen – so wie wir es in den letzten Monaten reichlich geübt haben. Die Besucherinnen und Besucher bekommen eine Papiertüte mit Laugenstangen, Apfelschorle und Wasser in die Hand gedrückt, als Proviant und Willkommensgruß. Eine schöne Geste. Die Idee der herzlichen, bodenständigen Gastfreundschaft beim SHMF lebt weiter. Trotz räumlicher Distanz und Mund-Nasen-Schutz.

500 Besucher beim SHMF unter Corona-Bedingungen

Dafür sorgt auch Christian Kuhnt, Intendant des Festivals, der eine lausbübische Vorfreude verströmt. „Sie sind ungeduldig – und wir auch!“, bekennt Kuhnt bei seiner kurzen Begrüßungsrede, sichtlich beseelt davon, wieder vor einem realen Publikum zu stehen. Bis zu 2000 Menschen passen normalerweise auf die Steinstufen des Amphitheaters, die im Halbrund um die Freilichtbühne herum ansteigen. Jetzt sind immerhin knapp 500 da, mit der fürs SHMF so typischen Garderobenvielfalt. Anthrazitfarbener Anzug und Abendkleid mit rosa Hut, mintgrüne Steppjacke, Funktionshose in beige oder weißblauer Hoodie: alles dabei und bunt gemischt. „Ganz Junge nicht, aber auch nicht nur Alte“: so fasst eine Dame die demografische Struktur zusammen.

Manche waren schon am 5. Juli 1985 im Kieler Schloss dabei, als das Festival – ein Jahr vor dem ersten Durchgang – seine Initialzündung erlebte. Das klärt Christian Kuhnt per Handzeichen, bevor er Justus Frantz und Christoph Eschenbach auf die Bühne bittet. Zwei Persönlichkeiten, die das SHMF über Jahrzehnte geprägt haben: als Gründer und Leiter, aber auch als Interpreten. Kuhnt betrommelwirbelt die beiden nicht zu Unrecht als „legendäres Klavierduo“; mit ihren Konzerten und Schallplattenaufnahmen sorgten Frantz und Eschenbach in den 70er- und 80er-Jahren international für Furore, Leonard Bernstein rühmte sie als das „beste Duo der Welt“.

Hier und da blitzt auch heute noch etwas vom damaligen Ausnahmeglanz auf, als die beiden sich an zwei schwarzen Flügeln gegenüber sitzen und ihr gut einstündiges Programm spielen, für die Freiluftakustik dezent verstärkt.

Frantz und Eschenbach: Das Zusammenspiel hakt hier und da

Es sind vor allem die Momente von Wehmut und bittersüßer Nostalgie, in denen sich der alte Zauber einstellt. Beim letzten der Walzer op. 39 von Johannes Brahms, aber auch in den ersten Takten von Franz Schuberts f-Moll-Fantasie. Gerade Christoph Eschenbach – der im Februar seinen 80. Geburtstag feierte – findet immer wieder zu einem anrührenden Tastengesang, aber auch zu einem nebelhaft gedeckten Ton. Da werden die verborgenen Geheimnisse der Musik angedeutet und besonders innige Klänge ausgekostet, mit dem milden Lächeln der Lebensreife.

Bei allem Respekt für die Kunst des Erinnerns, lassen sich allerdings auch die technischen Mühen nicht überhören. Das Zusammenspiel hakt und klappert hier und da erheblich, die Details in den schnelleren Passagen sind mitunter nur in Umrissen zu erkennen. Überprobt wirkt das Programm eher nicht, die beiden profitieren von ihrer jahrzehntelangen gemeinsamen Erfahrung.

SHMF: Die atmosphärische Bedeutung des Abends überwiegt

Aber die atmosphärische überwiegt die pianistische Bedeutung des Abends. Nicht nur eingefleischte Festivalfans sind ausgehungert nach Live-Musik, nach der realen Begegnung mit den Interpreten – so wie es auch die Künstler selbst danach drängt, endlich wieder in Dialog zu treten.

Ein herzerwärmendes Bild dafür, was Musik, was aber auch den besonderen Charme des Festivals ausmacht, entsteht ganz am Ende: Eine ältere Dame unterbricht ihren Weg in Richtung Ausgang, als sich noch Zugaben ankündigen. Sie parkt direkt vor der Bühne, setzt sich auf ihren Rollator und genießt zwei Ungarische Tänze von Brahms aus wenigen Metern Entfernung zu Justus Frantz, den Kopf leicht schräg geneigt und auf die gefalteten Hände gestützt. Da ist die Nähe zur Musik und den Musikern zu spüren, nach der sich so viele Menschen gesehnt haben und immer noch sehnen. Hoffen wir, dass sehr bald wieder sehr viel mehr davon möglich ist.

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