Auf die Ohren

Neuer Jazz auf Champions-League-Niveau

| Lesedauer: 2 Minuten
Holger True
Gitarrist John Scofield.

Gitarrist John Scofield.

Foto: dpa

Gitarrist John Scofield und Bassist Steve Swallow spielen gemeinsam mit Schlagzeuger Bill Stewart Kompositionen von Steve Swallow.

Hamburg. Blindes Verständnis, das muss es wohl sein, was zwischen Gitarrist John Scofield und Bassist Steve Swallow herrscht. Seit 40 Jahren kennen sich die beiden, und da braucht es dann eben nur einen Nachmittag, um ein komplettes Album auf Champions-League-Niveau einzuspielen. Für „Swallow Tales“ (ECM) haben sie sich noch Schlagzeuger Bill Stewart ins Studio geholt, auch ein langjähriger Mitstreiter, der weniger rhythmisches Rückgrat ist als vielmehr hochmusikalischer und eigene Akzente setzender Begleiter. Ausschließlich Kompositionen von Steve Swallow sind hier zu hören, darunter auch das Frühwerk „Eiderdown“ aus den 70ern, und schnell wird klar, dass für Scofield all diese Nummern Standards sind, die er über die Jahrzehnte aufgesogen hat.

Deshalb kann er sie mit einer Lockerheit spielen, die nur entsteht, wenn handwerkliche Fragen irrelevant geworden sind, kann sich völlig frei bewegen, mit Swallows Bass in Dialog treten, atmen statt zu arbeiten. Indes, auch ein Scofield braucht mal Hilfe, nicht bei der Aufnahmesession, wohl aber hinterher. Für die Dramaturgie des Albums, die Abfolge der Nummern also, sei Produzent Manfred Eicher verantwortlich, so der Gitarrist. Auch dies ein Top-Job, denn die Spannung lässt über die gesamte Albumlänge nie nach.

Das neue Album des polnischen Pianisten Marcin Wasilewski hat Eicher ebenfalls hörbar veredelt. In diesem Fall vor allem durch ein enorm transparentes Klangbild, das „Arctic Riff“ (ECM) zu einem Referenzwerk für Kopfhörer-Tester machen könnte. Jeder Basslauf (Slawomir Kurkiewicz) ein akustisches Ereignis, jeder Beckenschlag (Michal Miskiewicz) eine kleine Offenbarung aus dem Hintergrund.

Darüber spielt Wasilewski seine mal poetischen, mal betont freien Läufe und gibt gelegentlich den Keith Jarrett, wenn er (leise) mitsummt. Erweitert wird das Trio durch Saxofonist Joe Lovano, der hier nicht etwa als Stargast firmiert, dem eine Bühne zu bereiten wäre, sondern das Trio perfekt ergänzt. Da wird sich mal sensibel abgetastet („Cadenza“), mal sehnsüchtig romantisiert („Fading Sorrow“), mal das Auf und Ab der Gefühle in Töne gefasst („Amour fou“). Ein Album, so dynamisch, wie es sonst meist nur Livemitschnitte sind.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kritiken