Filmkritik

Sklavenbefreierin Tubman: Sie hätte so viel mehr verdient

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Zander
Cynthia Erivo sorgt in der Titelrolle dafür, dass "Harriet - Der Weg in die Freiheit" nicht gänzlich enttäuscht.

Cynthia Erivo sorgt in der Titelrolle dafür, dass "Harriet - Der Weg in die Freiheit" nicht gänzlich enttäuscht.

Foto: Glen Wilson / dpa

Spät erhält die legendäre Sklavenbefreierin Harriet Tubman ein filmisches Denkmal. Doch es kann nicht überzeugen.

Sie nannten sie Moses. Sie teilte zwar nicht, wie der Moses der Bibel, das Meer, um ihr Volk zu befreien. Aber sie führte ihre Leidensgenossen doch durch die Sümpfe der Südstaaten, in denen sie sonst ertrunken wären. Es gibt sogar Spekulationen, der Gospel „Go down Moses“ ziele nicht auf das Alte Testament, sondern auf die Sklavenbefreierin Harriet Tubman.

Und so kündigt sich die Fluchthelferin in der Filmbiografie „Harriet – Der Weg in die Freiheit“ jenen, die sie retten will, an, indem sie diesen Gospel anstimmt. Und die Sklaven auf dem Feld fallen mit ein in den verheißungsvollen Refrain: „Let my people go“.

Harriet Tubman trug zuvor den Sklavennamen Minty Ross

Harriet Tubman war eine unglaubliche Frau. Selbst als Sklavin geboren, floh sie 1849 ganz allein, von weißen Häschern gehetzt, über 100 Meilen in die Nordstaaten, wo die Sklaverei verboten war. Schon das eine unglaubliche Leistung. Aber Tubman kehrte immer wieder unter Einsatz ihres Lebens zurück, um Dutzenden Schicksalsgenossen zur Flucht zu verhelfen.

In der Freiheit legte sie ihren Sklavennamen Minty Ross ab und nannte sich fortan Harriet Tubman. Sie spielte eine wichtige Rolle bei den Abolitionisten, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzten. Sie wurde eins der wichtigsten und unerschrockensten Mitglieder der sogenannten Underground Railway, einem Verbindungsnetz schwarzer und weißer Fluchthelfer.

Kopfgeld auf "Moses" – doch wer war dieser mysteriöse Unbekannte?

Dass in den Südstaaten ein Kopfgeld auf „Moses“ ausgesetzt wurde, lag nur daran, dass man dort niemals geglaubt hätte, dass dieser mysteriöse Unbekannte eine Frau war. Für Tubman vielleicht die beste Tarnung. Während des amerikanischen Bürgerkrieges führte sie schließlich – als eine von nur ganz wenigen Frauen in der Geschichte der USA bis heute – eine eigene Truppe an, die über 700 weitere Sklaven befreite.

Kaum zu glauben, dass Harriet Tubman nach ihrem Tod 1913 erst einmal in Vergessenheit geriet. Gerade in jüngster Zeit aber wurde dieses Kapitel der Sklavenbefreiung, vor allem auch des Underground Railway, gleich mehrfach aufgearbeitet. Etwa in der US-Serie „Underground“ oder in Colson Whiteheads Roman „Underground Railroad“, wo die Bewegung mit magischem Realismus zu einer wirklichen unterirdischen Eisenbahn in die Freiheit überhöht wurde.

Zuletzt schrieb auch Ta-Nehisi Coates, in den USA eine der wichtigsten Stimmen gegen Rassismus, in seinem Romandebüt „Der Wassertänzer“ über dieses Fluchthelfernetz, wobei Moses eine zentrale Rolle zukommt.

Zum wohl 200. Geburtstag von Tubman startet Filmbiografie

Just in dem Jahr, in dem sich Tubmans Geburtstag nun vermutlich zum 200. Mal jährt – so genau weiß das keiner, 1820 steht aber als Geburtsjahr auf ihrem Grabstein – just in diesem Jahr startet nun eine Filmbiografie über sie. Nach der Ermordung des Schwarzen George Floyd durch weiße Polizisten wohl genau zur richtigen Zeit. Wo gerade überall bei Protesten Standbilder vom Sockel gestürzt werden, wird ihr endlich ein spätes Denkmal im Kino gesetzt.

Welch eine Leistung, welch eine Vita, die förmlich nach einer Verfilmung schreit. Und doch: Wie schade, wie traurig, wie unglaublich auch, dass „Harriet“ so schwach, brav und konventionell ausfällt. Regisseurin Kai Lemmons schien sich nie zwischen Drama, Spannungsfilm und politischer Botschaft entscheiden zu können. Und wollte offensichtlich auch das weiße Publikum nicht verprellen.

Keine Szene, in der Sklaven gepeinigt werden

Anders ist jedenfalls kaum zu begreifen, wieso es keine einzige Szene gibt, in der Sklaven gepeinigt werden. Erst in der Freiheit schildert Harriet die Martern, die ihr angetan wurden, erst hier sieht man die Narben auf ihrem Rücken.

Auch die Flucht wird überraschend undramatisch inszeniert, wobei die Südstaatler als ziemliche Hinterwäldler dargestellt werden, die sich allzu leicht hinters Licht führen lassen. Weshalb man nicht einmal in diesen Momenten um Tubman wirklich bangen muss. Da ist man von Vergleichsfilmen wie dem Oscar-Sieger „12 Years A Slave“ ganz Anderes gewohnt. Auch Tubmans göttliche Visionen oder Eingebungen werden nie hinterfragt. Und ein Großteil ihrer Verdienste wird am Ende eher im Eilverfahren abgehandelt oder gar, wie ihr spätes Engagement für das Frauenwahlrecht, nur im Abspann angerissen.

Hauptdarstellerin war für Oscar nominiert

Dass „Harriet“ nicht gänzlich enttäuscht, ist einzig der britischen Sängerin und Schauspielerin Cynthia Erivo zu verdanken. Die 33-Jährige spielt die Titelfigur überzeugend und präsent, jeder Blick von ihr sagt mehr als so schale Dialogzeilen wie „Ich will frei sein oder tot“ oder „Angst ist dein Tod“.

Für ihre Darstellung war Erivo für einen Oscar nominiert, was sie als „bittersüß“ empfand, weil sie einmal mehr die einzige Afro-Amerikanerin war, der in diesem Jahr diese Ehre zuteil wurde. Erivos Kollegin Janelle Moané, die in „Harriet“ ebenfalls eine Schlüsselrolle spielt und die Oscar-Nacht eröffnen durfte, nutzte ihren Act, um die Filmindustrie dafür zu kritisieren, dass sie noch lange nicht so divers ist, wie sie sich gern gibt.

Am Ende des Films singt Erivo „Stand up“, ein Song der Wut, des Protests und der Hoffnung, dass es einmal anders werden könnte. Nach dem Mord an George Floyd und den weltweiten Protesten dagegen hat dieser Song, hat diese Wut nichts an Aktualität verloren.

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