Filmkritik

Helmut Newton: Der professionelle Voyeur

| Lesedauer: 4 Minuten
Cosima Lutz
Helmut Newtons Selbstporträt entstand 1993 in Monte Carlo.

Helmut Newtons Selbstporträt entstand 1993 in Monte Carlo.

Foto: © Foto: Helmut Newton, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

Macho oder nicht, dazu gibt es in „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ keine Haltung. Der Film ist ein Denkmal.

Hamburg. Natürlich konnte das Mädchen nichts dafür, als Helmut Newton im Stadtpark Schöneberg mit seinem Tretroller stürzte und sich das Handgelenk brach. Er hieß damals noch Helmut Neustädter und hatte der unbekannten Schönheit einfach zu lang hinterhergeschaut. Grinsend erzählt der weltberühmte Fotograf, der 1938 aus Nazideutschland floh, dem Dokumentarfilmer Gero von Boehm diese Anekdote aus der Kindheit. Ich war doof, sagt der Blick, aber ich konnte nicht anders.

Heute ist das Anstarren von Frauen so geächtet wie nie. Manchen geht das zu weit. Gero von Boehm etwa. Er war mit Newton befreundet und erhielt nun pünktlich zu dessen 100. Geburtstag „uneingeschränkten und exklusiven Zugang zum Archiv der Helmut-Newton-Stiftung“. Bei dem Film „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ handelt es sich also um ein Denkmal. Und weil von Boehm eine heute überall um sich greifende „Prüderie“ und „political correctness“ wittert, sein 2004 gestorbener Freund aber auf so etwas pfiff und sich einen „professionellen Voyeur“ nannte, wirkt sein Filmporträt ein wenig wie eine Selbstvergewisserung: Darf man weibliche Schönheit denn gar nicht mehr feiern?

Aufgebot an beeindruckenden Persönlichkeiten

Von Boehm entscheidet sich für ein kaum angreifbares Konzept: Sollen doch die beteiligten Frauen selbst reden. Außer dem schon zu Lebzeiten umstrittenen Newton, den der Regisseur bereits für einen früheren Film porträtierte, kommen ausschließlich Stars wie Grace Jones, Claudia Schiffer, Charlotte Ramp­ling und Ehefrau June zu Wort. Dieses Aufgebot an beeindruckenden Persönlichkeiten (den auch im Film zu oft bemühten Begriff der „starken Frau“ kann man indes bald nicht mehr hören) und die ikonischen, das „Vulgäre“ (Newton) feiernden Bilder machen den sonst konventionell sich an sprechenden Köpfen abarbeitenden Film dennoch sehens- und zuhörenswert.

Zimperlich war der Provokateur nicht, das zeigt eine Szene gleich anfangs, als Newton eine junge Nackte beim Shooting anraunzt, sie solle nicht so armselig dreinblicken. Ein andern Mal wünscht er einem männlichen Model eine Erektion, „dann bekommst du mehr Geld“. Kein Kommentar, Newton kommt als netter Schlingel stets gut weg.

Vorwurf an Newton

Marianne Faithfull beschreibt, wie Newton sie „geöffnet“ und von ihrer Verklemmtheit erlöst habe; Isabella Rosselini spricht ihn von Machismo frei („Es ist komplizierter“), und Model Sylvia Gobbel schwärmt von der Arbeit auf „Augenhöhe“. Einzig Nadja Auermann drückt ihr Befremden darüber aus, dass er sauer war, als sie sich weigerte sich auszuziehen. Macho? Sie windet sich: Seine Fotos hielten einer sexistischen Gesellschaft eben den Spiegel vor.

Newton sagt einmal, ihm werde vorgeworfen, er fotografiere nicht „die Seele“. Natürlich fotografiere er nur „einen Körper, ein Gesicht“, erklärt er. Das Wort Seele war ihm in der Fotografie genauso suspekt wie das Wort Kunst. Und trotzdem, gibt er zu, hoffe er, dass man mehr in seinen Arbeiten erkenne als nur „Beine und Busen“. Das Unbehagen bleibt, dass der Film selbst keine Haltung zum Thema „Frau als Objekt“ finden mag. Dadurch aber bringt er das Werk Newtons in keinen Dialog mit der Gegenwart – und lässt es unabsichtlich doch ein wenig alt aussehen.

Kino & Ausstellung:

  • Der Film „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ läuft von Donnerstag an im Kino. Hamburg-Premiere feiert er am 9.7. im Zeise (20 Uhr) und im Autokino/Heiligengeistfeld (20.30), Regisseur Gero von Boehm ist jew. vor Ort.
  • Die Ausstellung „10 Jahre Helmut Newton“ im Ernst Barlach Museum in Wedel läuft noch bis zum 29. November. Am 20. Juli gibt es einen exklusiven Nachmittag für Abendblatt-Leser, Karten (35,- Euro inkl. Einführung, Begrüßungsgetränk, Fingerfood) gibt es unter T. 30 30 98 98 oder online unter abendblatt.de/leserevents

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