Theater im Stadtpark

„Heckentheater“: Das sattgrüne Freiluft-Bühnchen

| Lesedauer: 6 Minuten
Annette Stiekele
Junges Schauspielhaus spielt Theater im Stadtpark. Heckentheater (Amphitheater) im Hamburger Stadtpark mit dem Kinderstück „Ein Schaf fürs Leben“.

Junges Schauspielhaus spielt Theater im Stadtpark. Heckentheater (Amphitheater) im Hamburger Stadtpark mit dem Kinderstück „Ein Schaf fürs Leben“.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Mit zwei Stücken im „Heckentheater“ meldete sich das Junge Schauspielhaus nach der Zwangspause bei seinem Publikum zurück.

Hamburg. Das Gras riecht frisch. Die Luft ist etwas zu kühl, aber noch angenehm. An den schon verblühenden Rhododendron-Büschen des Winterhuder Stadtparks vorbei folgt man dem gut ausgeschilderten Weg ins „Heckentheater“. Dort angekommen, wartet eine kleine Sensation. Nach fast drei Monaten Zwangspause und viereckigen Augen von all dem Streaming-Theater gibt es erstmals wieder echtes, leibhaftig von Darstellerinnen und Darstellern auf einer Bühne performtes Schauspiel. Etwas seltsam fühlt es sich noch an, aber zugegeben ziemlich gut.

An drei Wochenenden zeigt das Junge Schauspielhaus mit Maritgen Matters „Ein Schaf fürs Leben“ (ab 5 Jahren, Regie: Gertrud Pigor) und Janne Tellers preisgekröntem Jugendroman „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ (ab 13 Jahren), inszeniert vom Klaus Schumacher, zwei seiner Bühnen-Dauerbrenner als Freiluft-Schauspiel für immerhin je 50 Zuschauer. Und es ist sofort alles wieder da. Das Gegenwärtige, das Verbindende, die Freude über die geteilte Erfahrung. Natürlich ist diese neue Theaternormalität etwas anders. Schumacher, Leiter des Jungen Schauspielhause, begrüßt die kleinen und großen Gäste feierlich mit einem Gesichtsschutz aus Plastik. Jeder erhält eine Nummer. Der Einlass erfolgt einzeln beziehungsweise pro Familie. Die Klappstühle sind so großzügig aufgereiht, dass man seinen Nachbarn unmöglich auf die Pelle rücken kann.

Baum, Schlitten, Kiste – mehr Requisiten braucht es nicht

Auch auf der Bühne trennen die wunderbare Christine Ochsenhofer als Schaf, das in seinem Stall – hier eine Kiste – fröhlich Mikado spielt, viele Meter Abstand vom undurchsichtigen Wolf, den Hermann Book hungrig und doppelzüngig gibt. Das bezaubernde Stück erhält in diesen Zeiten sozialer Distanzwahrung ganz neue Bedeutung, wenn das Schaf dem Wolf folgt, um auf einer Schlittenfahrt endlich Schnee zu sehen. Der Sehnsuchtsort „Erfahrungen“ erhält einen neuen Klang. Von Fernweh und Lebenslust. Natürlich wittert der Wolf im Schaf vor allem ein schmackhaftes Lammfilet, muss jedoch schon bald gegen seine wachsende Sympathie ankämpfen.

Ein Baum, ein Schlitten, eine Kiste – mehr Requisiten braucht es nicht, damit diese Geschichte von wachsender Vertrautheit mit einigen tollen Show-Einlagen, begleitet von Jan Fritschs Gitarren-Akkorden, lebendig wird. Ochsenhofer gibt dem Schaf entwaffnenden Charme. Book springt Seil, müht sich mit dem Schlitten ab und versinkt am Ende in einem Eisloch, aus dem ihn das Schaf gerade noch retten kann. Gut, vielleicht ist diese ungleiche Freundschaft doch nicht auf Dauer angelegt. Das gilt leider auch für das bis dahin stabil trockene, sonnige Wetter. Ein kurzer Regenguss und plötzlich ist der Ton weg.

Theater in Corona-Zeiten: Ab durch die Hecke

Die Darsteller zeigen sich unbeeindruckt. Mit erprobter Souveränität spielen und singen sie ohne Mikrofon-Verstärkung weiter, als wollten sie nie wieder unterbrochen werden.

Weil alle Beteiligten mit Leidenschaft und Können agieren, funktioniert dieses puristische Theater auch ohne Lichtanlage erstaunlich gut. Eigentlich war Schumacher auf dem Weg zur Baustelle am Wiesendamm, wo die neue Spielstätte des Jungen Schauspielhauses entsteht, als er zufällig auf das Amphitheater stieß.

Das Bezirksamt Nord zeigte sich sofort erfreut über die Idee eines Theaters vor sattgrüner Natur-Kulisse, dank eines Gesundheitskonzepts (ohne Gastronomie) konnte das Heckentheater mit acht Mitarbeitern vor Ort starten. Natürlich mussten die Inszenierungen angepasst werden, Freiluft-Theater verlangt dynamisches Spiel nach vorn.

Wie mitreißend das auch mit Abstand über die Bühne gehen kann, zeigt auch das zweite Stück. Wer hätte nicht die Angst vor dem großen Nichts verspürt, in jenen Wochen, als sich alle Gewissheiten und Selbstverständnisse von Gesundheit, Mobilität und Arbeit auflösten und das Leben für die einen bleiern stillstand, während es sich für die anderen zur permanenten Überforderung wandelte? Das Jugend-Drama „Nichts, was im Leben wichtig ist“ hat es in dem Kontext in sich. In der dänischen Kleinstadt Taering zieht sich der 13-jährige Pierre Anthon in einen Pflaumenbaum zurück, weil ja nichts von Bedeutung sei. Befeuert, das Gegenteil zu beweisen, häufen Mitschüler einen „Berg von Bedeutung“ an, der bei Lieblingssandalen beginnt und sich zu immer grausameren Objekten hochschaukelt. Am Ende stehen ein Brand und nackte Gewalt.

Sergej Gößner, Gabriel Kähler, Marie Scharf und Genet Zegay spielen als Schülerschaft das Publikum direkt von der „Rampe“ mit den für diesen Stoff notwendigen, hart geschnittenen, schnellen Sätzen an. Janne Tellers schmerzhafte Parabel auf eine sinnentleerte, absurde Welt zieht wie schon die Texte von Camus gerade aus ihrer durchgespielten Verneinung existenzbejahende Kraft. Eine, die hinterfragt, welche Werte wirklich zählen im Leben. Nicht wenige werden sich diese Frage in den letzten Monaten neu gestellt haben.

Während diese Gedanken noch im Natur-Raum stehen, kriecht Kälte die Beine hoch. Viel anerkennender Applaus. Nachdenkliche und doch beglückte Gesichter. Man muss es ein Geschenk nennen, dass es gerade diese beiden Stücke sind, mit denen sich auch Hamburg wieder neu seines Theaters vergewissert.

Publikumsstimmen

Corinna Popp, Wilhelmsburg: „Ich fand es sehr schön. Die Atmosphäre war ganz toll. Zwischen Sonne und Regen. Der Ort ist gut gewählt. Es tat gut, wieder andere Leute zu sehen und gemeinsam ein Stück anzuschauen. Und das Stück (,Ein Schaf...’) war reizend.“

Katja Schroeder, St. Pauli: „Es war super. Ich fand es schön. Das Theater hat es geschafft, die Distanz, die einen so befremdet, zu überwinden. Trotz aller Distanz gab es eine Kommunikation.“

Jane Markwardt, Wellingsbüttel: „Ich fand es toll. Es ist so schön, mal wieder Theater zu sehen. Der Ort ist sehr besonders. Das Stück (,Nichts...’) hat mir sehr zu denken gegeben.“

„Heckentheater“ 13./14.6. und 20./21.6., jew. 16.00 „Ein Schaf fürs Leben“, ab 5 Jahren. 19.00 „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ ab 13 Jahren, Heckentheater, Stadtpark (Südring/Grasweg, gegenüber Heinrich-Hertz-Schule), Restkarten unter T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de

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