Hamburg. Gleich die erste Textzeile gibt die Richtung vor: „Papa war niemals da, Mama hat dich aufgegeben, du bist allein mit dem Gefühl, sie würde dir nie vergeben.“ Daraus wurde ein Leben voller Wut – und nun aber auch ein Album voller Wucht. Der Hamburger Rapper Roman Krauser, der sich ROMVN nennt, hat seine erste CD vorgelegt. Elf Titel über sein Leben in der Dämmerung, in dem die Schmerzen und die Trauer meist die Oberhand behielten.
Diesmal aber war der Papa an seiner Seite. Und wie. Erlend Krauser, weit über die Grenzen hinaus anerkannter Ausnahme-Gitarrist, der mit seiner letzten CD „Last Discoveries“ auch international für Furore sorgte, hat die Musik zu den Texten seines Sohnes geschrieben und das Album zusammen mit Roman produziert. Herausgekommen ist ein ungemein kraftvolles Werk. Textlich eine ziemlich schonungslose Abrechnung mit allem, musikalisch in vielen Teilen virtuos und mit den typischen genialen Gitarrenläufen des Erlend Krauser. Eine höchst spannende Mischung aus wortreicher Destruktivität und großartigem Klangerlebnis.
Vieles musste jetzt einfach aus ihm raus
Vieles musste jetzt wohl einfach aus ihm raus. In Songs wie „Wut rot wie Blut“, „Kinder der Rebellion“ oder „Heimatlos“ singt oder spricht Roman darüber, wie es sich anfühlt, nicht zu wissen, wo man hingehört. „SOS, das ist ein Hilferuf, vielleicht der letzte Versuch.“
Roman Krauser lässt sich aus über den vermeintlichen Ausweg mit Drogen und mit Alkohol, „ein Leben voller Weed, Bourbon und American Blend“, der keiner ist. „Wir betäuben uns ständig, weil wir dieses Leben, wie es ist, nicht ertragen.“ Über zerbrochene Beziehungen: „Der Leichtsinn, der uns mal getragen hat, ging verloren.“ Über die Trennung: „Wie soll ich meinem Sohn erklären, dass Menschen sich bekriegen, dass seine Eltern es nicht geschafft haben, sich zu lieben.“ Über die „Suche nach dem Lachen in mir“.
Der Wunsch nach Freiheit
Und auch über den Wunsch, endlich „frei zu sein, in See zu stechen und fern zu sein von denen, die mein Herz brechen“. Warum jetzt dieses Album? „Wir hatten beide Lust auf ein Projekt von zwei Generationen, mit unterschiedlichen Musikrichtungen zu experimentieren und daraus etwas Neues zu kreieren“, sagen Vater und Sohn.
Ein Jahr lang haben sie an dem Album gearbeitet. Wie war die Zusammenarbeit? „Der Weg, um auf einen Nenner zu kommen, war nicht immer einfach.“ Am Ende von jedem Song habe es aber Einigkeit gegeben. „Ohne Kompromisse, weder von Roman noch von mir“, sagt Erlend. Und, ja, das Wort „Familientherapie“ treffe es wohl auch.
Mit 19 Jahren floh Erlend Krauser aus Rumänien
Romans erstes Album ist deshalb auch die Geschichte des Erlend Krauser und der Beleg dafür, dass wohl nicht beides geht oder zumindest ziemlich schwierig ist: ein einzigartiger Gitarrist und ein großartiger Vater zu sein.
Mit 19 Jahren floh Erlend, versteckt in einer Lautsprecherbox in einem Lieferwagen, aus seinem Heimatland Rumänien und damit vor der dort herrschenden Diktatur. Nun singt der Sohn davon, wie es war, stets nur ein Sorgenkind gewesen zu sein. „Das letzte Kind, das auf dem Schulhof stand. Tränen im Gesicht und Rucksack in der gebrochenen Hand, nach Hause gegangen mit blutigen Knien, ich war noch klein, voller Verzweiflung, hab mit aller Kraft nach Liebe geschrien, doch vielleicht war meine Stimme zu schwach.“
Beide sind stolz
Jetzt sind beide stolz darauf, „dass wir es geschafft haben, mit einer unkonventionellen Musikrichtung dieses Album zu Ende zu bringen und zu veröffentlichen“. Weitere Planungen oder Live-Gigs gibt es zurzeit noch nicht. „Könnte aber durchaus passieren.“
Denn auch das zeigt diese CD, die nicht umsonst „Stärker als du denkst“ getitelt ist: Der Blick geht nach vorne. „Ich hab zu viel Straße in mir, um mich hier anzupassen, aber hab zu viel Liebe in mir, um diese Welt zu hassen“, singt Roman. Und vielleicht ist der Anfang des Albums auch die richtungsweisende Botschaft für alle, die ein ähnliches Leben im Schatten hinter sich haben. „Wenn das Licht erlischt und der Kampf verloren scheint“, singt Roman, „wenn du nicht mehr kannst und die Seele in dir weint, bist du stärker als du denkst – stärker als du denkst.“
Ein Motto im Übrigen, das man in diesen Zeiten gerne lautstark mitsingen möchte.
ROMVN: „Stärker als du denkst“, bei Spotify, Apple Music oder als CD für 15 Euro unter erlendkrauser.de
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