Buchrezension

„Die Detektive vom Bhoot-Basar“ – auf der Suche nach Kindern

Deepa Anapparas packender Detektiv-Thriller spielt im Slum einer nordindischen Großstadt (Symbolbild).

Deepa Anapparas packender Detektiv-Thriller spielt im Slum einer nordindischen Großstadt (Symbolbild).

Foto: dpa Picture-Alliance

Deepa Anapparas Debütroman spielt im Slum einer nordindischen Großstadt. Die Autorin spickt das Sozialdrama mit viel Humor.

Hamburg. Indien ist ein Land tiefer Spiritualität – und gleichzeitig unvorstellbarer Abgründe. Deepa Anapparas Debütroman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ ist hier in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Es gelingt ihr, eine packende Thriller-Story um einen verschwundenen Jungen, um Kidnapping und Menschenhandel, einzubetten in eine Geschichte, die vom Erwachsenwerden erzählt und zugleich als Sozialdrama funktioniert. Das tut sie mit viel Humor.

Deepa Anapparas Debütroman spielt in einem Slum

Jai ist gerade mal neun Jahre alt, aufgeweckt, ein wenig altklug und hingerissen von Polizei-Dokumentationen, die er auf seinem innig geliebten Fernseher schaut. Am liebsten natürlich die, die seine Mutter für unangemessen hält. Mit seiner strebsamen Freundin Pari und dem jungen Faiz, dessen Familie der religiösen Minderheit der Muslime angehört, teilt er Freud und Leid.

Alle drei leben in einem Slum einer namenlosen Großstadt. Wie hier üblich, teilt er mit seinen Eltern und der älteren Schwester einen Raum. Und weil Indien nun mal ein Land der großen Gegensätze und Widersprüche ist, steht dieses Haus nicht weit von einem bewachten, luxuriösen Apartment-Komplex. In ihm verdingen sich die Frauen des Slums als Putzkräfte und Kinderbetreuerinnen.

Teebursche Jai wird zum Detektiv

Doch dann verschwindet ein Junge aus der Klasse. Nicht irgendeiner, ausgerechnet ein Außenseiter, der sich wenig mitteilen kann. Jais investigatives Gespür ist entfacht, die Freunde werden zu Dr. Watsons und die Ermittlungen beginnen. Sie führen das Trio durch die verwinkelten Gassen des weit verzweigten Bhoot-Basars, in dem eigene Gesetze gelten. Es gibt eine halbkriminelle Autorität, die wiederum einen Handlanger hat und schnell ins Visier der Nachwuchsdetektive gerät.

Als weitere Kinder und Teenager verschwinden, gerät Jai ins Grübeln. Ist das Ganze vielleicht doch das Werk eines Dschinns, einem bösen Geist, der sich aus rauchlosem Feuer erhebt? Am Ende wäre diese mythologische beinahe noch die versöhnlichste aller schrecklichen Erklärungen. Rauch schwebt ohnehin durch die Gassen. Seine Arbeit als Teebursche nutzt Jai, um so manchen Gesprächsfetzen aufzuschnappen, der die investigative Arbeit beflügelt.

Anappara arbeitete als Journalistin in Indien

Dass Anappara all das so plastisch beschreiben kann, ist kein Zufall. Die im südindischen Kerala aufgewachsene Anappara begann als Journalistin. Kinder, die in Armut aufwachsen, bildeten das Zentrum ihrer Arbeit in Delhi und Mumbai. Berichte über geschätzte 90.000 jährlich verschwindende Kinder in Indien ließen sie nicht mehr los. Viele landen in den Fängen von Menschenhändlern, werden als Arbeitssklaven verkauft oder zur Prostitution gezwungen – und tauchen nie wieder auf.

Es ist ein kluger Kunstgriff, das Thema im Roman zu behandeln. Indem die Verschwundenen in der ersten Person aus ihrem Leben erzählen, gelingt es ihr, ihnen trotz ihres Schattendaseins einen Widerschein zu geben. Die Drastik der mutmaßlichen, im Dunkel liegenden Wahrheit ist für den Leser nur erträglich, weil er nicht müde wird, den aufgeweckten Nachwuchsdetektiven zu folgen.

Deepa Anappara „Die Detektive vom Bhoot-Basar“, übersetzt von Pociao und Roberto de Hollanda, 400 S., Rowohlt, 24 Euro