Theaterkritik

An der Mundsburg: Büchner-Premiere in sehr modernem Licht

Verzweifelt und wieder mal am Boden: Prinz Leonce (Raphael Dwinger, ganz rechts) im Griff von Diener und Narrenfreund Valerio (Sven Walser).

Verzweifelt und wieder mal am Boden: Prinz Leonce (Raphael Dwinger, ganz rechts) im Griff von Diener und Narrenfreund Valerio (Sven Walser).

Foto: Oliver Fantitsch

Weltschmerz, Musik und Sounds: Im Ernst Deutsch Theater inszeniert Mona Kraushaar das Lustspiel „Leonce und Lena“ als Sinnsuche.

Hamburg.  Es sind ungewisse Zeiten, dieser Tage, in diesen Wochen. Umso mehr freute sich Isabella Vértes-Schütter, die Intendantin des Ernst Deutsch Theaters, dass trotz der „schwierigen Rahmenbedingungen“ mehrere Hundert Zuschauer, darunter in Reihe eins Hamburg Ballett-Chef John Neumeier, am Donnerstagabend die Premiere von „Leonce und Lena“ erlebten. Im am Ende noch zu gut zwei Dritteln besetzten größten Hamburger Privattheater (743 Plätze) bedachten das Publikum das achtköpfige Ensemble mit verdientem längeren Applaus. Dass zur Pause einige Besucher gegangen waren, lag weniger an der Angst vorm Coronavirus,, vielmehr daran, dass „Leonce und Lena“ ein recht komplexes Stück ist.

Sound-Effekte, sphärische Klänge, auch Schubert-Lieder

Das einzige Lustspiel des Dramatikers Georg Büchner (1813–1837), geschrieben ein Jahr vor seinem Tod, aber erst 1895 uraufgeführt, lässt der Regie Interpretationsspielraum. Es ist eine romantische Komödie, ursprünglich jedoch auch eine Satire auf die Ständegesellschaft im frühen 19. Jahrhundert. Regisseurin Mona Kraushaar rückt an der Mundsburg die Geschichte zweier unglücklicher Königskinder, die nur durch Zufall zueinander finden, in ein sehr modernes Licht. Oft verstärkt mit Sound-Effekten und Livemusik, sphärischen Klängen, aber auch Schubert-Liedern.

„Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Bitte alle einsteigen!“, ruft Leonce (Raphael Dwinger) auf einem festem Drei-Meter-Brett liegend wie ein Marktschreier auf dem Dom ins Mikrofon. Der in seiner eigenen Traumwelt lebende Prinz aus dem Königreich Popo soll die ihm unbekannte Prinzessin Lena (Karla Sengteller) aus Pipi heiraten. Doch was macht der sich langweilende Thronnachfolger? Büxt mal eben nach Italien (!) aus, begleitet vom Diener Valerio (Sven Walser), der Leonce auf der Flucht vor dem Freitod abhält.

Ein opulentes, dreidimensional wirkendes Bühnenbild

Bis es so weit kommt, vergeht recht viel Zeit. Dwinger turnt auf dem Boden, rollt und tollt sich, klagt in Monologen sein Leid. Auf ihrer Flucht schlüpft Lena schon mal unter den Rock ihrer Gouvernante, von Daniel Schütter mit komischer Grazie gespielt. Doch man spürt und sieht: Dieser Weg wird kein leichter sein, stattdessen ein steiniger. Katrin Kerstens opulentes, dreidimensional wirkendes Bühnenbild macht was her, hat Mona Kraushaar aber offensichtlich verführt, „Leonce und Lena“ zeitweise wie ein Märchen zu inszenieren.

Die Regisseurin, 2014 für ihre Fassung von Shakespeares „Was ihr wollt“ mit dem Rolf-Mares-Preis ausgezeichnet, stellt hier die Suche nach dem Sinn des Lebens in den Mittelpunkt, beherrscht vom Weltschmerz. In dem lässt sich – Corona-Krise – ein aktueller Bezug finden.

Büchners „Automaten mit Mechanismen“ – fast visionär

Erst als Valerio Prinz und Prinzessin als „Automaten mit Mechanismen“ zur Hochzeit zum König führt, fallen die Masken. Hier zeigt Martin Seifert als überforderter, geistloser König Peter, der Krone und Gewand endlich ablegen kann, in weißer Unterhose und -hemd einmal mehr gekonnt komisches Gehabe.

Dank der „Automaten“ zeigt sich auch der visionäre Charakter der 184 Jahre alter Geschichte. Schade nur, dass die Satire auf Adel hier und Armut da in den Hintergrund rückt. Ebenso wie die Bedeutung von Büchners Sprache.

„Leonce und Lena“ – vorerst wegen des Coronavirus' leider keine weiteren Vorstellungen, EDT, Friedich-Schütter-Platz., Karten zu 22,- bis 42,-: T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de