Buchkritik

Schonungslos offen: Hamburger Autor schreibt über Depression

Der Schriftsteller und Journalist Benjamin Maack schreibt offen über seine Depressionen.

Der Schriftsteller und Journalist Benjamin Maack schreibt offen über seine Depressionen.

Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Benjamin Maack hat mit „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ ein starkes, teils schwer erträgliches Buch geschrieben.

Hamburg.  Manchmal ist es auch als Leser kaum auszuhalten. Wenn ein Vater seinen kleinen Sohn im Arm hält und eine liebevolle Stimme „nachmacht“, weil er „vermutet“, dass das jetzt das Richtige ist. Wie ihm genau das schmerzhaft bewusst ist und er sich dafür hasst, nichts außer Selbstmitleid fühlen zu können. Oder wenn seine Frau nachts wach liegt, voller Angst, er könnte sich umgebracht haben: „Warum hast du nicht einfach angerufen?“ – „Ich wollte nicht nerven.“ Das Aufeinanderprallen von Alltag und Existenziellem verschlägt einem den Atem.

„Depressionen sind geschickt“, formuliert es Benjamin Maack. „Ist man gesund, kann man sich nicht mehr daran erinnern, wie es war, krank zu sein. Und ist man krank, kann man sich nicht vorstellen, je wieder gesund zu werden.“ Der Hamburger Schriftsteller („Monster“) und Journalist weiß sehr genau, was er hier schildert. Schonungslos, verletzlich, maximal offen. Über Depressionen, Psychiatrieerfahrungen, Suizidgedanken. „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ heißt sein bei Suhrkamp erschienenes Buch. Ein Titel, der zynisch klingt, bis man begreift, dass auch diese Bewertung die Versagensangst des Patienten selbst spiegelt, die Furcht, nicht einmal mit seiner „peinlichen, kleinen Traurigkeit“ zu genügen.

Hamburger Schriftsteller über Depressionen ohne Happy End

Benjamin Maack, der schon beim renommierten Bachmannpreis las, schreibt, wie er die Depression schon einmal öffentlich gemacht hat (er hat aber auch schon in „Monster“ alle Figuren „Benjamin“ genannt), der entscheidende Unterschied: Damals habe er sie überwunden geglaubt.

Ein Leidensweg mit Happy End ist etwas anderes als eine womöglich unendliche Geschichte. Die reflektiert Maack nun bisweilen spöttisch, wenn er die erneute Einweisungserfahrung mit einem „Bungeesprunggutschein zum Geburtstag“ oder einem „Schulpraktikum im Schlachthaus“ vergleicht. „Disclaimer“ überschreibt er eines seiner Kurzkapitel: „Hier wird am Ende übrigens nicht alles gut.“

Auch optisch eine große Leere

Sein Text, der zugleich die Hilflosigkeit der Angehörigen bitter spürbar macht, spiegelt auch formal das Entgleiten eines selbstbestimmten Zugriffs auf die eigene Gefühlswelt. Manche Kapitel bestehen nur aus drei Zeilen. Verzweiflungsdreizeiler. Manche stellen nur eine einzige Frage: „Na, Herr Maack, wie geht es Ihnen heute?“ Manche haben nur eine Überschrift: „Funktionieren“. Es folgt auch optisch: eine große Leere.

Einem Außenstehenden skurril erscheinende Beobachtungen („Gut organisierte Depressive“ mit großen „Plastikbastelkoffern“) ermöglichen kurz die Distanz, gar die Erleichterung durch Komik, münden aber in dem zunehmend drängender wirkenden Bedürfnis des Kranken ganz zu verschwinden. „Zäsurwunsch“ nennt Maack die eigenen Selbstmordgedanken – und listet Möglichkeiten auf. „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ ist ein dichtes, starkes, aber schwer erträgliches Buch.

Nicht nur an seinem Ende, sondern auch an dieser Stelle soll darum der Hinweis auf Hilfsangebote nicht fehlen:
www.deutsche-depressionshilfe.de
www.suizidprophylaxe.de
www.telefonseelsorge.de

Benjamin Maack liest Di 10.3., 20.30, in der Buchhandlung Cohen+Dobernigg. Die Lesung ist ausverkauft.