Kritik

Deichkind in Hamburg: Das ist keine Party, das ist Theater!

Bewegungslos stehen Deichkind bei ihrem Konzert in Hamburg im Rampenlicht – für einen kurzen Moment eskalieren sie, dann erstarren sie wieder.

Bewegungslos stehen Deichkind bei ihrem Konzert in Hamburg im Rampenlicht – für einen kurzen Moment eskalieren sie, dann erstarren sie wieder.

Foto: Michael Rauhe

Die Hamburger Band bietet in der Barclaycard Arena mehr Kunst als Krach. Beim Hiphop wird die Performance unbeholfen.

Hamburg. Das Deichkind-Konzert mit einem splitternackten Lars Eidinger beginnen zu lassen, ist schon mal eine Setzung. Der Schauspieler hängt in einem Video kopfüber an einem Kran, wird in blaue Farbe getunkt und gleitet in der Folge zu elegischen Streicherklängen über eine Leinwand, ein lebender Pinsel.

Und das Publikum in der ausverkauften Barclaycard Arena starrt auf das baumelnde Geschlechtsteil des baumelnden Schauspielers, minutenlang. Bis sich die Bühne öffnet und ein stumpfer 4-to-the-Floor-Beat einsetzt: „Keine Party“. Der Song mit dem ikonographischen Video, in dem Eidinger zerstörungsbegeistert durch Berlin tanzt.

Deichkind in der Barclaycard Arena: mehr Kunst als Krach

In Hamburg aber wird zum Tourabschluss nicht getanzt. Was auf der Bühne passiert, konterkariert den Song: Bewegungslos stehen Deichkind im Rampenlicht und heben gerade mal mechanisch das Mikro an die Lippen, für einen kurzen Moment eskalieren sie, dann erstarren sie wieder. Das ist keine Party, das ist Tanztheater.

Für die Choreografie des Abends ist Jenny Beyer zuständig, eine Hamburger Tanzkünstlerin, die ansonsten viel auf Kampnagel arbeitet. Das merkt man: Es geht hier nicht darum, es Krachen zu lassen, es geht um Kunst. Interessant aber, wie gut dieser Kunstanspruch in der Riesenhalle funktioniert. Das Publikum lässt sich begeistert darauf ein, ausgefeilte, hintersinnige, zwischendurch immer wieder verstörende Choreografien zu schauen, solange der Sound stimmt.

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Mix aus Elektropunk, HipHop und Saufsongs

Musikalisch ist der Abend in drei Akte aufgeteilt. Erst kommen die jüngeren Songs, Elektropunk mit Konsumkritik und doppeltem Ironieboden, „Richtig gutes Zeug“, „So ’ne Musik“, „Dinge“, Hit auf Hit. Dann folgt ein HipHop-Intermezzo mit alten Stücken, „Komm schon!“, „Bon Voyage“, deren unbeholfener Performance man anmerkt, dass Deichkind den Rap schon lange hinter sich gelassen haben.

Und zum Schluss die Party- und Saufsongs, mit denen die Brücke zum Funpunk geschlagen wird, „Roll das Fass rein“, „1000 Jahre Bier“, „Niveau weshalb warum“, das ist jetzt der Moment, an dem man eigentlich durchdrehen sollte. Aber gleichzeitig will man auch nichts auf der Bühne verpassen. Knifflig.

Deichkind voller Widersprüche in der Barclaycard-Arena

Hier steuern Deichkind über kurz oder lang in eine Sackgasse: Einerseits will das, was hier passiert, ausgefeilte Bühnenkunst sein, andererseits sind die Auftritte immer auch Kindergeburtstag für ältere Semester (ja, das Publikum ist eher um die 40 als um die 20).

Allerdings machen eben nicht zuletzt Widersprüche die Band Deichkind aus: der Widerspruch zwischen Elektro und Hip-Hop. Der Widerspruch zwischen Gesellschaftskritik und Bierbauch („Kein Gott, kein Staat, lieber was zu Saufen“ wird in „Hört ihr die Signale“ gegrölt). Der Widerspruch zwischen Party und Kunst. Auflösen lässt sich der nicht, aber in einen begeisterten Exzess transzendieren. „Yippie Yippie Yeah – Skandal und Remmidemmi!“