Konzertkritik

Agnes Obel in der Laeiszhalle: mal berührend, mal süß

Agnes Obel trat in der Laeiszhalle auf.

Agnes Obel trat in der Laeiszhalle auf.

Die dänische Sängerin und Pianistin wurde in der Laeiszhalle gefeiert. Ihr Vorprogramm sorgte für eine Überraschung.

Hamburg. Ein beherzter E-Gitarrenakkord eröffnet den Abend in der Laeisz­halle. Solch harsche Klänge erwartet man nicht bei einem Konzert der dänischen Sängerin und Pianistin Agnes Obel, und Marlène Colle, die unter ihrem Vornamen auftritt, weiß auch, dass sie nur der Support ist, auf dessen angeschrägte Großstadt-Chansons Obel-Fans womöglich verstört reagieren. Aber das Publikum lässt sich bezaubern. Und Marlène bedankt sich: „Es ist so nett, dass ihr mir so ruhig zuhört. Obwohl ich gar nicht die bin, für die ihr gekommen seid.“ Keine Ursache.

Obel hat spätestens mit ihrer jüngsten CD „Myopia“ ihr Soundspektrum weit über die Neoklassik früherer Jahre erweitert: Elektronik ist mittlerweile fester Bestandteil ihrer Musik, ebenso wie vertrackte Rhythmen und zaghafte Disharmonien. Ein Publikum, das sich auf diese Klänge einlässt, ist grundsätzlich offen für Neues, da muss sich Marlène keine Sorgen machen, zumal sie mit Songs wie „Februar“ über den nicht enden wollenden Berliner Winter ihre Zuhörer da abholt, wo sie stehen: beim Jammern übers ewige Schmuddelwetter.

Agnes Obel ist von der ehrfürchtigen Stille eingeschüchtert

Das Publikum ist also bezaubert. Und eingestimmt auf Obel, zunächst alleine am Piano: „Words are dead“ vom zweiten Album „Aventine“, noch Kammerpop mit leichtem Hang ins Kunstgewerbe, den sie allerdings mit sehnsüchtiger, schleifender Stimme mehr brüllt als singt. Erst dann betritt die Band die Bühne, Cello, Bratsche, Percussion, und plötzlich sind die Songs nicht mehr manieriert, werden auch alte Stücke neu arrangiert, „Philharmonics“ als Gothic-Country, das neue „Promise Keeper“ als ätherischer Choral mit vierstimmigem Gesang und elektronischer Grundierung. Geisterhaft. Berührend.

Was Obel nicht ist: eine Rampensau. Von der ehrfürchtigen Stille in der Laeisz­halle ist die 39-Jährige eingeschüchtert, flehend fordert sie das Publikum auf, ein bisschen Lärm zu machen. Und die Zuhörer sind gnädig, sie lachen und klatschen, und als der nächste Klavierton ertönt, sind sie wieder ruhig, es folgt „Familiar“: „Ein Liebeslied. Für meine Band, weil ich sie einfach liebe.“ Das ist so unbeholfen, es ist schon wieder süß. Aber die Band ist ja auch großartig. Spielt arabisch anmutende Streicher in „Stretch Your Eyes“, Walzerharmonien in „Won’t You Call Me“, sie spielt die Routineharmonien von „Riverside“. Alles klug, alles eingängig, 90 Minuten lang, dann folgt Obels größter Hit „The Curse“. Enormer Jubel.