Theater

Ohnsorg-Premiere: Vom lustigen Leben in einer Senioren-WG

Etwas andere Senioren: Meike Meiners in der Rolle der Marie Stratmann, Manfred Bettinger als Valentin Müller und Robert Eder als Kuddl Knoop (v. l.).

Etwas andere Senioren: Meike Meiners in der Rolle der Marie Stratmann, Manfred Bettinger als Valentin Müller und Robert Eder als Kuddl Knoop (v. l.).

Foto: Oliver Fantitsch

Die Komödie „Champagner to’n Fröhstück“ feiert gelungene Premiere. Eine weitere funkelnde Perle in dieser Ohnsorg-Spielzeit.

Hamburg. Fünf Türen hat Beate Zoff in ihr Bühnenbild für „Champagner to’n Fröhstück“ gebaut. Dem erfahrenen Theatergänger ist klar, dass sie hohen komödiantischen Wert haben, wie man aus bekannten Komödien wie „Pension Schöller“ oder „Floh im Ohr“ weiß. Auch im Ohnsorg-Theater sorgen die Türen immer wieder für verblüffende Situationen, führen zu Missverständnissen und zu Überraschungen.

Komisch werden diese Szenen jedoch nur, wenn auch die Schauspieler das entsprechende Timing besitzen und unvermittelt in der Tür stehen, mit der Tür ins Haus fallen oder im unpassenden Moment hinter einer der Türen verschwinden. Und Milena Paulovics, an der renommierten Berliner Schauspielschule Ernst Busch ausgebildete Regisseurin, verfügt über die Gabe, das Ohnsorg-Ensemble in ein furioses Wechselspiel von Auf- und Abgängen zu treiben.

Die Rentner wollen sich nicht länger bevormunden lassen

In Michael Wempners Komödie geht es um eine Wohnung, die sowohl die alleinstehende Rentnerin Marie Stratmann (Meike Meiners) als auch der frühere Firmenchef Valentin Müller (Manfred Bettinger) mieten wollen. Sie streiten mit Hausverwalterin Koslowski (Sandra Keck) und einigen sich darauf, gemeinsam eine Alten-WG zu gründen – mit dreimonatiger Probezeit und ein paar Regeln.

Beide sind unter großem Druck: Müller ist aus einer Senioren-Residenz stiften gegangen und hat nicht mal einen Koffer dabei, Stratmann ist bei ihrer Tochter abgehauen. Möbel besitzen beide nicht, aber es steht ja Sperrmüll an der Straße, mit dem sie ihre Dreizimmer-wohnung kurzerhand möblieren. Ein abstraktes Gemälde schleppt Müller auch an – das bringt die Polizei in Person von Kommissar Petersen (Horst Arenthold) auf den Plan. Der honorige Rentner wird als Kunsträuber verdächtigt.

Kinder denken konservativer als ihre Eltern

Meiners und Bettinger, die vor 36 Jahren schon einmal als Liebespaar auf der Ohnsorg-Bühne standen, spielen zwei Rentner, die sich von ihren Kindern nicht länger bevormunden lassen wollen und sich ihre Freiheit zurückholen. Meiners zeigt Marie Stratmann als eine selbstbewusste Frau, die sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen lässt und auch in der Alten-WG den Ton angibt. Bettinger als Valentin Müller agiert sehr viel zurückgenommener. Er zeigt die Verletzungen seiner Figur, die zuerst von Sohn Lukas (Tim Ehlert) aus der Firma gedrängt und dann auch noch in ein Seniorenheim abgeschoben worden ist. Durch den ungewöhnlichen Neuanfang holen sich beide Senioren ihre Würde wieder zurück und spüren, wie gut es sich anfühlt, gemeinsam ein Ziel zu verfolgen.

Die Kinder von Stratmann und Müller denken sehr viel konservativer als ihre Eltern. Sophie Stratmann (Nina Carolin), schicke Anwältin im blauen Kostüm, findet, dass sich eine WG „in dem Alter“ nicht mehr schicke. „Wat för ’ne verdreihte Idee“, sagt sie. Als Valentin Müller vor der Tür steht und sich nur mit „Müller“ vorstellt, hegt sie sogar den Verdacht, dass ihre Mutter sich einen Liebhaber zugelegt habe. Die Aufklärung folgt deutlich später, die Türen verhindern die Wahrheitsfindung.

Besucherstimmen

  • Jens Remmers (Barmbek): „Es war hervorragend. Belustigend und so schön, dass man aus dem Lachen und Schmunzeln nicht herausgekommen ist. Einfach herrlich!“
  • Doris Lange (Eppendorf): „Ich bin positiv überrascht, weil es nicht klamaukig, sondern lustig und pointiert gewesen ist. Die Typen auf der Bühne sind hervorragend getroffen worden.“
  • Marie Valentina Caldeweyer (Altona): „Ich fand das Stück eindrucksvoll und witzig, authentisch und liebevoll. Ein Stück wie aus dem Leben. Es geht um die Liebe im Alter mit allen Tücken. Am besten fand ich den Kuddl. Aber auch die anderen Schauspieler waren toll. Wir werden in Zukunft öfter ins Ohnsorg kommen.“

Zu diesem Kuddelmuddel auf der Bühne tragen drei weitere sehr präsente Figuren bei: Kuddl Knoop (Robert Eder), Valentins Freund und auch im Seniorenheim kaserniert, flüchtet ebenfalls und sucht dringend Unterschlupf bei seinem Kumpel. Zudem hat er ein Auge auf die aparte Marie Stratmann geworfen. Mit staunenden Augen stapft Knoop durch die Szenerie, doch hinter seinem immer etwas vertrottelten Blick steckt ein ziemlich wacher Geist. Für seine höchst komischen Auftritte bekommt Robert Eder am Ende der Aufführung den stärksten Beifall.

Beate Kiupel als intrigante und neugierige Nachbarin Boisen, die immer zur Unzeit durch die Wohnungstür eindringt, nervt jeden im Haus. Als „Sluderwiev“ wird sie beschimpft, wegen ihres nicht zu stoppenden Redeflusses sagt Marie Stratmann abfällig über sie: „De holt yo mit’n Mors Luft.“ Auch Sandra Keck als Frau Koslowki hat ein paar komische Szenen, etwa wenn sie die etwas heruntergekommene Wohnung in den schönsten Farben anpreist. Ihr Name, den sich nie jemand merken kann, wird zum Running Gag. In einer Szene ist sie selbst schon so tüdelig, dass sie sich als „Frau Kowalski“ vorstellt.

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Dem Regieteam mit Paulovics, Zoff und Jonathan Wolters, dessen Musik die unterschiedlichen Stimmungen einfühlsam unterstreicht, sowie dem großartigen Ensemble ist mit „Champagner to’n Fröhstück“ ein Lustspiel voller Komik und Herzenswärme gelungen, das seine Personen und ihre Probleme ernst nimmt. Das Türenknallen mit einer wackeligen Lampe als weiterem Running Gag, das exakte Timing in diesem chaotischen Durcheinander und das pointierte Spiel des Ensembles machen diese Komödie zu einer weiteren funkelnden Perle in dieser Ohnsorg-Spielzeit.

„Champagner to’n Fröhstück“ wieder Di 3.3., 19.30, bis 11.4., Ohnsorg-Theater (U/S Hauptbahnhof), Heidi-Kabel-Platz 1, Karten zu 17,92 (erm.) bis 35,84 unter T. 35 08 03 21; www.ohnsorg.de