Konzertkritik

„Turbostaat: Nazis raus!-Rufe in der Markthalle“

| Lesedauer: 3 Minuten
Lukas Hildebrand
Die nordfriesische Post-Rock- und Punkband Turbostaat.

Die nordfriesische Post-Rock- und Punkband Turbostaat.

Foto: Andreas Hornoff

Die Post-Rock- und Punkband bewegte das Publikum. Gefühle wechselten von verträumter Sehnsucht bis zu blanker Wut.

Hamburg. Eine späte Blütezeit erlebt momentan eine Rockband aus dem Norden Deutschlands. Turbostaat heißt die vor 21 Jahren gegründete Gruppe. Am Dienstag- und Mittwochabend spielte sie zwei ausverkaufte Konzerte in der Markthalle Hamburg.

„Tachchen wir sinds, die Deppen aus dem Norden“ ertönt die unverwechselbare Stimme von Frontmann Jan Windmeier aus den Boxen. Vor einem Banner, auf dem ein von Wellen aufgewühltes Meer zu sehen ist, zeichnen sich die dunklen Silhouetten der fünf Bandmitglieder ab. Die nordfriesische Heimatverbundenheit der Flensburger Band sticht sofort ins Auge.

Beim Song „Rattenlinie Nord“ schwingt die Sehnsucht um in Wut

Gitarrenriffs und schwere Bässe der Post-Rock- und Punk-Band erfüllen die Halle. Plastikbecher verlieren ihren Inhalt in der Menge, setzt die Stimme des Sängers kurz aus, so hört man die textsicheren Fans. Bei dem Titelsong ihres 2016 erschienenen Konzeptalbums „Abalonia“, wird aus dem Mitsingen ein Mitschreien. Abalonia ist der fiktive Ort, an den sich die Hauptfigur Semona sehnt und für den sie ihre Heimat verlässt. Die Sehnsucht nach der besungenen Utopie spiegelt sich wider in den lächelnden Gesichtern der mit schwarzen Kapuzenpullovern gefüllten Reihen.

Dann plötzlich, beim Ertönen des Songs „Rattenlinie Nord“, schwingt die Sehnsucht um in Wut. Der Song erzählt von der Schleich-Route, auf der hochrangige Nazis vor Kriegsende 1945 nach Flensburg flüchteten. Über unruhige Rhythmen und bitterböse Gitarrenklänge sind die aufgenommenen Aussagen von NS-Funktionären auf den Nürnberger Prozessen zu hören. Dann setzt Windemeiers Stimme wieder ein, die anprangernd feststellt: „Und so langsam sterben die Opas / Und die Wohnungen werden frei / Und neue Händler ziehen ein“.

„Nazis raus!“-Rufe erfüllen nach dem Schlussakkord die Halle. Erst kürzlich erschien dieser Song, auf dem siebten Album „Uthlande“. Ein niederdeutscher Begriff für die Inseln und Halligen vor der nordfriesischen Küste. Die deutsche Urtümlichkeit dieses Wortes findet sich auch in dem Titel des darauf enthaltenen Songs „Brockengeist“. So viel deutsche Heimatverbundenheit der Titel dieses Songs auch ausstrahlt, darin findet sich keine. Der eingängige Schlusssatz des Songs - „Wir mussten hier raus!“ - unterstreicht die Beziehung der Band zu ihrem Heimatland.

Politische Positionierung und nordfriesische Heimatverbundenheit

Nach 90 Minuten folgt großer Applaus und der sehnliche Wunsch des Publikums nach einer Zugabe. Die Band liefert ihren Fans drei weitere Songs. Darunter „Wolter“, ein absoluter Publikumsliebling, dessen Hook – „Alles ist besser als der Tod“ – der Stimme Windmeiers alles abverlangt und das Publikum in die kalte Februarnacht entlässt.

Turbostaat verbinden politische Positionierung und nordfriesische Heimatverbundenheit. In der Markthalle sind sie Heimathafen für all jene Fans, die ihren progressiven Post-Rock und ihre textliche Verträumtheit so lieben.

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