Buchkritik

Papa, Hippie, Antiheld: Wenn der "Idiotenvater" nie da ist

| Lesedauer: 7 Minuten
Thomas Andre
Nora Gantenbrink lebt wie ihre Romanfigur in Hamburg.

Nora Gantenbrink lebt wie ihre Romanfigur in Hamburg.

Foto: Claudius Schulze

Nora Gantenbrinks Debütroman „Dad“ behandelt die Suche nach einem abwesenden Vater. Der Leser erlebt dabei viele Überraschungen.

Hamburg.  „In den guten Momenten war er größer als alle anderen“, sagt die Erzählerin einmal. Nur hat sie mit ihrem Vater nicht viele jener guten Momente. Der Vater Marlenes ist nicht so der verlässliche Typ. Und das ist noch untertrieben. Er ist ein „Fluchtwesen“, er bleibt nicht lange am selben Ort. Zumindest in seiner in diesem Text nach der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Eisenwald“ genannten Geburtsstadt Iserlohn.

Er ist ein Hippie, ein Vagabund, ein Drogenesser. Er ist kein Vater, er ist noch nicht einmal „Dad“. So nennt ihn Marlene, und so heißt auch das neue Buch der 1986 in Iserlohn geborenen und in Hamburg lebenden Autorin Nora Gantenbrink. Es ist der, zumindest auf gewisse Weise, ganz und gar bemerkenswerte Bericht der Suche nach einem Vater, die desillusionierender nicht verlaufen könnte.

Alle Pfade führen nach Nirgendwo

Man kann nicht behaupten, dass Gantenbrink, die hauptberuflich als Journalistin arbeitet und 2013 mit ihrem Erzählungsband „Verficktes Herz“ für Aufsehen sorgte, ihre Leserinnen und Leser vor der Lektüre nicht warnt: Dem zügig und smart erzählten Roman stellt sie ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers und Ethnologen Carlos Castaneda voran: „All paths are the same, leading nowhere“. Alle Pfade führen also nach Nirgendwo.

Dennoch ist man überrascht, auf wie viel Leere die tapfere Erzählerin während ihrer Suche treffen wird. Im Verlaufe der Handlung reist sie, Jahre nach dem Tod des Vaters, von ihrer Wohnung auf St. Pauli, wo sie direkt am Transvestitenstrich lebt, nach Marokko, Indien und Thailand – und immer wieder gedanklich zurück in ihre Kindheit.

Wenn der Vater sich nicht für die Tochter interessiert

Bevor ihr Vater todkrank im Krankenhaus landete, wo ihm Marlene auf den letzten Hedonismusmetern eines zu kurzen und im Grunde verkifften Lebens nahezukommen versucht, war er ein immerzu Abwesender. Der jegliche Verantwortung scheute und sich für seine Tochter nicht interessierte. Der am Tag der Taufe in den Flieger nach Pakistan stieg, „vorher hatte er noch unser Familienkonto leergeräumt“. Bei der Einschulung kam er zu spät, trug Flipflops und kurze Hosen: „In der Hand hielt er eine matschige Mango, die er stolz meiner Mutter überreichte, warum, verstand niemand“.

In der Erzählgegenwart treffen wir auf eine als freie Journalistin arbeitende, peinliche Opel-Modelle fahrende, amourös eher flüchtige Kontakte suchende („Wer in einer Großstadt lebt und in Kneipen geht, kann auch ohne Tinder bumsen“) Frau, die das Herz auf dem richtigen Fleck hat, aber ihre Umgebung einer stets unbarmherzigen Überprüfung unterzieht: Ihren Vater nennt sie an einer Stelle – sehr zu recht, wie man schon bald denkt – den „Idiotenvater“.

Protagonistin schließt Freundschaften fürs Leben

Als nostalgisch gefärbtes Gegengewicht zum Erzeugerdesaster installiert Gantenbrink die Jugendjahre Marlenes, in denen sie die Lücke, die der Vater ließ, erfolgreich mit Jugendfreundschaften füllte. Es sind welche fürs Leben. Die beste Freundin, eine Tätowiererin, lebt auch in Hamburg; der beste Freund, Oleg, ist oft zu Besuch.

Aber entscheidend für das Gelingen des Romans ist die Tatsache, dass die Autorin es schafft, Interesse für „Dad“ zu wecken, den sagenhaft glorreichen Antihelden. Was zog ihn in die Ferne? Warum war er jahre-, ja jahrzehntelang auf Reisen, statt sich um sein Kind zu kümmern? Zu seinen Lebzeiten stellte Marlene ihrem Erzeuger diese Frage nicht. Vielleicht, weil man in der Familie das Naheliegende oft nicht tut. Nachträglich jedenfalls scheinen der Erzählerin, die dem kranken Vater kurz vor dessen Ende dabei zusehen muss, wie er durch ein Loch in der Wange einen Joint raucht, zumindest manche Antriebe für die lebenslange Flucht nur allzu klar zu sein – sie zog nach dem Abitur ja selbst schnell aus der Provinz weg.

Buch erzählt von vier Jahrzehnten

Die Enge, der alltägliche Abtörner: Das ist ist die elterliche Wurstmanufaktur, in die Pepe, wie Marlenes Vater genannt wird, während der Schwangerschaft seiner Frau mit dieser zurückkehrt. Marlenes Eltern lernten sich auf einer Anti-Vietnam-Demo in den 1970er-Jahren in Frankfurt kennen, mit dem Umzug endet der Traum von der Freiheit, vom Leben. Gantenbrink erzählt in ihrem Buch von insgesamt vier Jahrzehnten, aber es bleibt vor allem der Eindruck: Ihr Anschauungsmaterial „Dad“ war in den Jahrzehnten, die er von diesen selbst erlebte, vor allem ein Zuspätgekommener. Ein Späthippie, der sich auf den Weg in die Gegenbürgerlichkeit aufmachte, als die Original-Hippies schon wieder bürgerlich wurden.

Marlene lernt abstoßenden Ü-60-Dealer kennen

Auf ihrer nachträglichen Reise zum Vater und den offenen Fragen, die mit diesem verbunden sind, lernt Marlene unter anderem einen Ü-60-Dealer kennen, wie er abstoßender nicht sein könnte. Und später, bei den „Goa-Freaks“ in Indien, Figuren wie „Guru Braindead“ und die Yoga-Beseelte Alice, die sie auf einen üblen LSD-Trip schickt. Personal, wie es Nachgeborenen fremdartiger nicht erscheinen könnte.

Und was erfährt Marlene auf ihren Reisen an die Sehnsuchtsorte ihres Vaters? Dass er ein schöner Mann und ein guter Liebhaber war, der nie über seine Tochter sprach. Dass dieser treulose Vater in Thailand vielleicht nichts weiter als ein Sextourist war. Der nachträgliche, fehlgehende Versuch einer Annäherung vervollständigt konsequent das Lebenstableau der Erzählerin. Aus einer dysfunktionalen Familie stammend, findet sie später Ersatz in den Freundschaften, die St. Pauli anbietet: zum Beispiel mit einer Transsexuellen aus Brasilien.

Aber wer ihr Vater wirklich war, was er erlebte, all das erfährt neben Marlene eben auch der Leser nicht. Dass es Gantenbrink schafft, diese kapitale Leerstelle dennoch erzählenswert zu machen, ist ein kleines Kunststück. „Dad“ ist ein gut geschriebenes, auf seltsame Weise stellenweise auch faszinierendes Buch. Seine Anziehungskraft erklärt sich gerade auch aus den Sätzen, denen man kein Wort glaubt. Als Marlene ihre Mutter fragt, was ihr Vater für ein Mensch gewesen sei, antwortet diese: „Der Beste. Man durfte ihn nur nicht lieben.“

Die Buchpremiere von „Dad“ findet am 24. Februar, 20 Uhr, im Uebel & Gefährlich statt

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