Konzertkritik

Wurst auf Kampnagel: halb Kerl, halb Königin

Tom Neuwirth, auch bekannt als Drag Queen Conchita Wurst.

Tom Neuwirth, auch bekannt als Drag Queen Conchita Wurst.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Starker Auftritt von Tom Neuwirths Kunstfigur, die beim Konzert auf Kampnagel auch mit eindrucksvoller Stimme punktet.

Hamburg. „Ich verstehe, dass manche von euch die Abendkleider und langen Haare vermissen“, sagt Tom Neuwirth auf der Kampnagel-Bühne. Er werde bestimmt immer mal wieder seine innere Mariah Carey kanalisieren. Aber jetzt habe sich die Präsidentengattin erst einmal in eine Gogo-Tänzerin verwandelt.

Will sagen: Der 31-jährige Popkünstler hat sich neu erfunden. Aus seiner glamourösen Kunstfigur Conchita Wurst, die 2014 den Eurovision Song Contest gewann, wurde schlicht: Wurst. Das heißt: Neuwirth betont seine maskulinere Seite. Statt hochglänzender Chansons entfaltet der Österreicher seine eindrucksvolle Stimme nun zu epischem Electropop.

Humanistische Offenheit beim Wurst-Konzert

Die Philosophie seines Namens ist aber dieselbe geblieben: Es sei eben wurst, woher jemand komme und wie Menschen aussehen. Diese zutiefst humanistische Offenheit ist auch beim Wurst-Konzert in Hamburg zu spüren. Da ist es egal, wer den Rock und wer die Hose anhat. Da erfreuen sich alle Gäste gegenseitig an ihrer Vielfalt. Ob da nun Irokesenschnitt zu Latex und Highheels kombiniert wird. Oder ob eine Dragqueen mit toupiertem Haar und 50er-Jahre-Kleid durch den Saal stolziert. Ob sich da ein Typ als lebende Discokugel feiert oder ob sich eine Großfamilie von der Oma bis zum Enkel schlichtweg einen schönen Abend macht.

Dramatisch beginnt die Show mit der Nummer „Trash All The Glam“ vom aktuellen Album „T.O.M. – Truth Over Magnitude“. Harte Beats. Auf- und abschwellende Keyboardklänge. Eine dunkle Komplexität. Und darüber diese schöne und abgründige, starke und fragile Stimme. Eine Erscheinung. Akustisch und optisch. Das Outfit: ein raffiniertes Spiel. Halb Kleid, halb Hotpants. Halb Kerl, halb Königin.

Wurst auf Kampnagel: Gloria Gaynor trifft Berghain

Von der Powerballade „SIX“ bis zur Clubhymne „Hit Me“ reicht das anderthalbstündige Set. Die Wurst lässt sich tanzend in die Musik fallen, ist mal rappende Raubkatze, mal geschmeidige Discodiva. Besonders stark: die variantenreiche Nummer „Colours Of Your Love“. Die Liebe ist ein bunter Kampf. Und die Wurst tanzt und catwalked wie eine Dancing Queen im Technoclub. Gloria Gaynor trifft Berghain.

Neuwirth hat sichtlich Spaß, auf der Bühne zu stehen. Und daran, unterwegs zu sein. „Ich bin das erste Mal auf Tour. Das Leben im Tourbus ist ja quasi wie Pyjama-Party 2.0“, sagt die Wurst augenzwinkernd.

In Hamburg lässt der satte Sound der siebenköpfigen Band die Halle mitunter dröhnen und wummern. Aber es gibt auch ruhigere Passagen: Nur zur Akustikgitarre singt die Wurst ihren ESC-Hit „Rise Like A Phoenix“. Ob nun zart oder hart – immer wieder schimmert die lebensbejahende Haltung dieser Persönlichkeit durch: „Vertrauen, loslassen, das Leben genießen, nicht ständig im Kopf sein.“ Eine durch und durch authentische Kunstfigur.