Hamburg

Gallagher-Konzertabbruch: Security stoppte Fan auf der Bühne

Da stand er noch am Mikrofon: Liam Gallagher beim Konzertanfang in der Sporthalle.

Da stand er noch am Mikrofon: Liam Gallagher beim Konzertanfang in der Sporthalle.

Foto: Marcelo Hernandez

Der ehemalige Oasis-Sänger brach sein Konzert in der Sporthalle erkältet ab. Ticketinhaber bekommen ihr Geld zurückerstattet.

Hamburg. „Sorry an alle, die heute Abend zu meinem Auftritt in Hamburg gekommen sind. Meine Stimme war nicht da. Und hätte ich weitergemacht, hätte ich ihr zu sehr geschadet.“

Um 22.23 Uhr verkündete Liam Gallagher über die Social-Media-Plattform Twitter, warum er sein Konzert in der Sporthalle exakt eine Stunde früher abgebrochen hatte. Des Weiteren erklärte der britische Popstar: „Ich liebe Euch alle, und ich hoffe, Ihr habt Verständnis. Ich werde es wieder gutmachen.“ Die große Verehrung der Fans, aber auch die maßlose Enttäuschung über das jähe Ende kommen in den Kommentaren zum Ausdruck: „Ich bin extra den ganzen Weg aus Mexiko gekommen, Bruder“, schrieb etwa Nutzer Jorge.

Gallaghers Konzert war bereits der zweite Anlauf

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Ab halb sieben gab es ein großes Hallo im Foyer der Winterhuder Mehrzweckhalle. Rund 3400, meist gut gealterte Musikliebhaber aus Hamburg und Norddeutschland, aber auch aus den Niederlanden und Dänemark, aus England und Irland trafen sich vorfreudig beim Bier. Für viele war es bereits der zweite Anlauf, nachdem Galla­ghers Konzert am 24. November 2018 im Hamburger Mehr-Theater abgesagt worden war.

Umarmungen, Fachsimpeleien, in Erinnerungen schwelgen. Nicht wenige hatten ihr altes Oasis-T-Shirt übergezogen. Denn die Überband, die Liam Gallagher gemeinsam mit seinem Bruder Noel 1991 gegründet und 2009 aufgelöst hatte, gilt nach wie vor als Inbegriff eines coolen britischen Lebensgefühls. Als räudige Stimme des Arbeitermilieus. Als Soundtrack zum kollektiven Ausbruch aus dem Alltag.

Der kommerzielle Nachhall der 1990er-Jahre war nun am Merchandise-Stand zu begutachten: Anglerhüte, einst Insignien der Rave-Mode, gab es im Liam-Design für schlappe 35 Euro. 50 Euro hatte bereits die Eintrittskarte gekostet.

Pop war Klassenkampf und verbindendes Kulturgut

25 Jahre ist es her, dass das legendäre zweite Oasis-Album „(What’s The Story) Morning Glory?“ erschien – in Großbritannien damals die am schnellsten verkaufte Platte seit Michael Jacksons „Bad“. Ein Vierteljahrhundert liegt es ebenfalls zurück, dass die Streitigkeiten zwischen den Gallagher-Brüdern und die Rivalitäten zwischen Oasis und der „Mittelschichtsband“ Blur die Schlagzeilen auf der Insel bestimmten.

Pop war aufgebauschter Klassenkampf und zugleich verbindendes Kulturgut. Mit dem Boom des Britpop und dem parallel aufstrebenden Labour-Politstar Tony Blair etablierte sich das Label „Cool Britannia“. Rockmusiker posierten vor der Nationalflagge, dem Union Jack. Ein rauschhaftes Selbstverständnis, das den „Rolling Stone“ zu der Frage bewegte: „Ist Britpop schuld am Brexit-Desaster?“

Twisted Wheel aus Manchester heizte ein

Wie gibt sich solch eine britische Ikone auf der Bühne nur fünf Tage nach dem politisch wegweisenden 31. Januar 2020? Wird er sich äußern zum Abgang von England aus Europa? Und überhaupt: Welche Laune wird der wankelmütige Popstar haben?

Zunächst lieferte die Vorband Twisted Wheel – wie Gallagher aus Manchester – solide rockend und mit viel „yeah yeah yeah“ ab. Auch wenn der in der Sporthalle nicht unübliche dumpfe Klang den Wums dieses jungen Quartetts minderte.

Um 21 Uhr dann das Intro zum großen Auftritt: Auf der Videoleinwand lief eine Art grobkörniger Liam-Werbeclip, vermengt mit Szenen von Protesten auf der Straße. Anzeichen für eine politische Show oder eine krawallige?

Bier spritzte, Becher flogen

Als Gallagher die Bühne betrat, brach sofort schönster Radau los. Bis obenhin mit einem Parka zugeknöpft und mit Sieben-Tage-Fusselbart lief der 47-Jährige lässig gockelnd die Rampe entlang – mit nach wie vor dem besten arroganten Gang der jüngeren Rockgeschichte. Er schüttelte seinen Schellenkranz, klemmte sich von unten unters Mikrofon und stimmte den Oasis-Hit „Rock ‘n’ Roll Star“ an.

Bier spritzte, Becher flogen auf die Bühne. Liebesbekundungen auf Britpop-Art. Sofort sangen und schrien die Fans mit. Und für kurze Zeit flackerte es auf, dieses Gefühl, mit Musik das Innerste nach außen krakeelen zu können. Wie Ende des Jahrtausends, als eine ganze Generation ihre Zukunftsangst mit Songs von Oasis in Euphorie verwandelte.

Gallagher startete mit aktuellem Song

Doch das Mutterland des Pop hat Schrammen bekommen. Prangten hierzulande einst „Buy British“-Aufkleber als Qualitätssiegel auf Tonträgern, schwenkte in Hamburg nun niemand mehr die rot-weiß-blaue Landesfahne. Lediglich eine einsame Schottland-Flagge war zu sehen.

Andererseits verharrt Liam Galla­gher nicht im ewig Gestrigen. Mit „Why Me? Why Not“ hat er im September vergangenen Jahres bei Warner Records ein tolles zweites Solo-Album vorgelegt. Den aktuellen Song „Halo“ mit seinem markanten Piano-Stakkato und seinen akzentuiert krachenden Gitarren intonierte die achtköpfige Band in der Sporthalle als Zweites. Es folgte die ebenfalls neue Nummer „Shockwave“ mit seinen wunderbar beatlesken Harmonien.

Bei Song Nummer fünf verließ er die Bühne

Gallagher tänzelte, warf sich rein, ging aber auch immer wieder zur Bühnenseite und sprach mit einem der Tontechniker. Einige Fans mutmaßten später, er habe Probleme mit seinen Monitorboxen gehabt, habe sich selbst also beim Singen nicht hören können. Bei „Wall Of Glass“, seiner Debüt-Single als Solokünstler aus dem Jahr 2017, war deutlich zu vernehmen, wie sein Gesang krächzte. Wie er nicht jeden Ton traf. In einer kaum verständlichen Ansage erklärte er, dass etwas mit seiner Stimme nicht in Ordnung sei. Dennoch startete er Song Nummer fünf, um aber nach wenigen Akkorden abzubrechen und mürrisch von der Bühne zu stapfen. Seine Band hintendrein. War’s das?

Wenige Minuten später flammte kurz Jubel und Hoffnung auf, als Galla­gher ins Rampenlicht zurückkehrte. Aber der verschnupfte Musiker erklärte nur kurz: „I’m fucking sorry!“ – mit dem Verweis, alle sollten sich ihr Geld zurückholen. Unter Buhrufen ging das Putzlicht an. Und selbst eine kleine Aufmunterung wurde von der Security sofort unterbunden: Ein Fan stürmte auf die Bühne an das offenbar noch nicht abgestellte Mi­kro und stimmte lautstark den Oasis-Hit „Live Forever“ an.

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„Das war ja fast zu erwarten“, sagte eine Besucherin

„Das war ja fast zu erwarten“, sagte Besucherin Charlotte Stafford, die mit ihrem Vater in die Sporthalle gekommen war. Die 34-Jährige hat bereits eine bewegte Konzert-Geschichte mit den Gallaghers hinter sich: „Ich hatte Karten für Oasis. Einen Tag vor dem Konzert hat sich die Band aufgelöst.“ Enttäuscht machte sie sich auf den Heimweg.

Die Anhänger brachten ihre Frustration ganz unterschiedlich zum Ausdruck. Manche saßen einfach apathisch da. Andere kanalisierten ihren Ärger im Gesang. Vor der Halle grölte eine kleine Gruppe: „Wo krieg ich mein Geld zurück? Schalalalala“. Andere stimmten einen Oasis-Song an: „Don’t Look Back In Anger“. Schau nicht in Wut zurück. Ob diese Gelassenheit der Fans einen womöglich dritten Anlauf Gallaghers in Hamburg trägt, wird sich zeigen.