Theaterkritik

Klimawandel-Thriller hat es schwer im Thalia Theater

Eine Szene aus „Arctic“ bei den Thalia Lessingtagen.

Eine Szene aus „Arctic“ bei den Thalia Lessingtagen.

Foto: Christophe Engels

Die belgische Gruppe Das Fräulein zeigt mit „Arctic“ ein nervenzerrendes Stück bei den Lessingtagen in Hamburg.

Hamburg. Ein Mann blickt ins kalte Meer. Dann zitiert er aus „Titanic“: Ein Sturz ins Wasser würde schmerzen wie unzählige Klingen. Und dann erklärt er einen Drehbuch-Trick: Wenn Leonardo DiCaprio zum Filmbeginn erklärt, wie unerträglich kalt das Wasser ist, dann weiß der Zuschauer, dass DiCaprio innerhalb der nächsten zwei Stunden in diesem Wasser landen wird.

Und weil man das Theaterstück „Arctic“ sieht, in dem Antoine Herniotte diesen Trick erklärt, kann man davon ausgehen, dass auch in „Arctic“ eine Figur irgendwann im Wasser liegt. Fies. Und ein kleiner Hinweis darauf, wie raffiniert das Stück gebaut ist, inszeniert von Anne-Cécile Vandalem für die belgische Gruppe Das Fräulein und bei den Lessingtagen am Thalia als Klimawandel-Thriller zu Gast.

Der Thriller ist ein Genre, das es im zeitgenössischen Theater schwer hat. Inhaltliche Überraschung und technische Brillanz bei gleichzeitiger formaler Konvention zählen nicht zu den Kernkompetenzen des Theaters. Deswegen ist Vandalems technisch wie erzählerisch aufwendiges Stück eine ungewohnte Erfahrung: Im Jahr 2025 wird ein antriebsloser Luxusdampfer ins Nordpolarmeer geschleppt, an Bord eine Gruppe blinder Passagiere, die alle in Verbindung zu einem rätselhaften Unglück des Schiffes vor zehn Jahren stehen.

"Arctic": Mischung aus Theater, Live-Film und Video

Bald sind die Leinen zum Schlepper gekappt, das Schiff treibt führerlos im Eismeer, alle misstrauen einander, und nach und nach entwirrt sich die Story: Die Klimakatastrophe hat die grönländischen Bodenschätze freigegeben, das Land erklärt seine Unabhängigkeit von Dänemark und wird zum Spielball der Großmächte sowie multinationaler Konzerne, und das Schiffsunglück wurde inszeniert, um die korrupte Regierung Grönlands zu halten.

Vandalem erzählt mit einer ausgeklügelten Mischung aus Theater, Live-Film und Video, ähnlich Kay Voges’ Inszenierung „Stadt der Blinden“, die aktuell am Schauspielhaus zu sehen ist. Weil die Darsteller im Theatersaal des Schiffes eingesperrt sind, kann das Stück auf einer (von Karolien De Schepper und Christophe Engels ausgestatteten) Bühne bleiben, während Ausflüge in die Flure und auf Deck per Bewegtbild eingespielt werden.

Thalia Theater: Ein zu gut gemachter Thriller

Das ist vielschichtig, es ist gnadenlos spannend, und es ist politisch brisant: Tatsächlich wird die Arktis durch die Klimaerwärmung zum Interessengebiet verschiedener Akteure; immerhin bot US-Präsident Donald Trump vergangenen Sommer Dänemark an, Grönland zu kaufen.

Der Horror einer Welt, in der von Gewinnstreben und Korruption getriebene Politiker über Leichen gehen wird in „Arctic“ aber überlagert von der nervenzerrenden Eskalationsdramaturgie sowie von der handwerklichen Souveränität, die echte Analyse unmöglich macht. Was nebenbei erklärt, weswegen es der Thriller im Theater so schwer hat: Zu gut gemachte Stücke tun dieser Kunst nicht unbedingt gut.