Theaterkritik

Beeindruckendes Plastik-Experiment auf der Lichthof-Bühne

„Die Kunststoffwellen“ am Lichthof Theater.

„Die Kunststoffwellen“ am Lichthof Theater.

Foto: Maria Isabel Hagen

Ausgangspunkt der Inszenierung im Haus an der Mendelssohnstraße sind Fragmente aus Virgina Woolfs Roman „Die Wellen“.

Hamburg.  Am Strand. Dämmerung, Meeresrauschen, sanfter Wind. Schön. Maria Isabel Hagen spielt über den Sampler Textfragmente ein, Virginia Woolf, „Die Wellen“: „Die Wellen schlugen gleichmäßig dumpf auf den Strand“, und die elektronische Verfremdung lässt den experimentellen Romantext selbst zur Welle werden, die an- und abschwillt, „die Wellen stürzten, sammelten sich und stürzten wieder“, eine kontinuierliche, sanfte Bewegung, gleichzeitig beruhigend und bedrohlich.

Und im Hintergrund der Lichthof-Bühne baut sich tatsächlich eine Welle auf, ein riesiges Luftkissen aus durchscheinendem Plastik, das langsam gefüllt wird, größer wird und irgendwann den gesamten Bühnenraum ausfüllen wird.

„Die Kunststoffwellen“ von Hagen und Konstantin Bessonov ist weniger Inszenierung sondern Installation, die ihren Reiz mehr durch ihr aufwendiges Bühnenarrangement entwickelt als durch Aktion: Zunächst wabern Passagen aus Woolfs Roman durch den Raum, dann beginnt Bessonov, einzelne Bühnenelemente aufzubauen, Kabel zu verlegen, Mikrofone aufzustellen. Erst in einem zweiten Schritt erhalten die beiden Performer Konturen, flüstern (weiterhin elektronisch verfremdet) in die Mikros.

„Die Kunststoffwellen“ verliert zum Abschluss etwas an formaler Schärfe

Die Wellen nämlich sind längst nicht mehr unschuldige Naturgewalt, sie sind angereichert mit Plastik: Alleine 2010 landeten fünf Millionen Tonnen des gesundheitsschädlichen Stoffs im Meer, beschreibt Hagen. Und türmt sich zu Wellen auf, unzerstörbar, nicht verrottend. Die Strandidylle vom Einstieg ist weiter vorhanden, aber es ist eine verschattete Idylle, in die sich der Tod eingeschrieben hat – Plastik ist ein Nebenprodukt der Erdölindustrie, und Erdöl besteht aus abgestorbener organischer Biomasse.

Plastik selbst aber hält ewig. Was Hagen zu einem dritten Schritt führt: Was heißt, das eigentlich, „ewig“? Wie würde unsere Welt aussehen, wenn wir ewig leben? Wäre das überhaupt erstrebenswert? Diesen radikalen inhaltlichen Sprung vollführt die Künstlerin, in dem sie aus der artifiziellen Strandstimmung des Beginns ausbricht und das Publikum direkt anspricht.

Was als Gedankenspiel zwar halbwegs nachvollziehbar bleibt, die zuvor aufgebaute konkrete Problemstellung allerdings ins Moralphilosophische verschiebt und zudem einen schweren ästhetischen Bruch darstellt. „Die Kunststoffwellen“ verliert so zum Abschluss etwas an formaler Schärfe, nichtsdestotrotz bleibt die Produktion eine künstlerisch beeindruckende Setzung zwischen Theater, Installation und experimenteller Literatur.