Konzertkritik

Timothy Ridout – ein Bezauberer in der Laeiszhalle

Szenen einer Preisverleihung in der Laeiszhalle: Dame Felicity Lott hat die Jurybegründung verlesen, der Stifter Claus G. Budelmann überreicht den Preis an den Bratschisten Timothy Ridout.

Szenen einer Preisverleihung in der Laeiszhalle: Dame Felicity Lott hat die Jurybegründung verlesen, der Stifter Claus G. Budelmann überreicht den Preis an den Bratschisten Timothy Ridout.

Foto: Andreas Laible

Der junge britische Bratschist erhält den Sir Jeffrey Tate Preis – an einem besonderen Tag mit einem bemerkenswerten Konzert.

Hamburg. Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt. In seinem Grußwort hebt er die geballte Koinzidenz dieses Vormittags hervor: An Tag zwei, nachdem das Vereinigte Königreich die EU verlassen hat, dieses Mal aber wirklich, ehren die Symphoniker Hamburg in der Laeiszhalle ihren 2017 verstorbenen britischen Dirigenten Sir Jeffrey Tate mit der Sinfonia da Requiem von Tates Landsmann Benjamin Britten. Und sie beginnen damit das Festkonzert zur Verleihung des Sir Jeffrey Tate Preises 2020, gestiftet von dem ehemaligen britischen Honorarkonsul Claus-G. Budelmann, an den britischen Bratschisten Timothy Ridout.

Wenn Kultursenator Brosda mit seinem auch schon wieder fast britischen lakonisch humorvollen Tonfall so etwas beobachtet, hat er die Lacher auf seiner Seite. Der Beziehungszauber ist aber natürlich kein Zufall, er geht noch weiter und wirft ein Licht auf die innige Verbindung zwischen dem Orchester und seinem früheren Chefdirigenten, dessen plötzlicher Tod vor zweieinhalb Jahren das Kollektiv über Monate in einen Schockzustand versetzt hatte.

Warum Jeffrey Tate ein besonderer Mensch war

Tate war nicht nur ein außergewöhnlich feiner, entschlossener Musiker, er war auch ein sehr besonderer Mensch. Nie ließ er sich anmerken, wieviel Kraft ihn seine heitere, leichte, durch und durch gütige und zugewandte Art kosten musste, rang er sie doch Tag für Tag einem von einer Kinderlähmung gebeugten Körper ab.

Es lässt in der Rückschau beinahe schaudern, dass Tate zum Antritt als Chefdirigent im Sommer 2009 das „War Requiem“ von Britten dirigierte, gleichsam das Schwesterwerk der Sinfonia da Requiem und rund 20 Jahre später entstanden. Doch während das „War ­Requiem“ sich schon durch die Textauswahl als explizit politisch präsentiert, bleibt dies beim Vorgängerwerk offen.

Einerseits spricht es für sich, dass die – textlose – Sinfonia, 1940 im Auftrag des japanischen Königshauses geschrieben, diesem zuwenig repräsentativ und zu düster war. Andererseits hat Britten sie daraufhin der Erinnerung an seine Eltern gewidmet. Privater geht es nicht.

Sylvain Cambreling bringt die Töne zum Weinen, Klagen, Hoffen

Es kommt aber womöglich auch nicht darauf an. Das Sterben, jedenfalls so wie Britten es in Töne setzt und so wie Cambreling und die Seinen diese Töne zum Sprechen, Weinen, Klagen und Hoffen bringen, hat immer ein Gewicht von allgemeiner Gültigkeit. Wohl niemand kann sich an diesem Vormittag dem Sog von Brittens Kaleidoskop an Stimmungen entziehen.

In seiner Harmonik und dem Farbreichtum seiner Orchestrierung formuliert es Empfindungsnuancen, für die es wohl in keiner Sprache der Welt Worte gibt. Es muss kein großer Aufwand betrieben werden, um Dissonanzen herzustellen, es reichen zwei benachbarte Töne, um das Wissen um menschliches Leid aufzunehmen. Umso tröstlicher leuchten am Schuss die fast unhörbar leisen Dur-Akkorde.

Hamburg gibt den Symphonikern ein Versprechen

Alle Redner fassen sich kurz an diesem Morgen. Intendant Daniel Kühnel ist spürbar ergriffen, und am meisten zu Herzen geht vielleicht der schlichte Satz des Preisstifters Budelmann: „Jeffrey war uns ein sehr enger und sehr guter Freund.“ Der Kultursenator wiederum lobt die programmatische Arbeit der Symphoniker Hamburg und ihren künstlerischen Anspruch und stellt in Aussicht, es werde der Stadt ein Anliegen sein, die Symphoniker auf ihrem Weg zu unterstützen und ihre Arbeit auch in Zukunft zu ermöglichen.

Und um die Zukunft geht es schließlich. Sowieso immer bei der klassischen Musik, wenn man mal den Altersdurchschnitt des Publikums betrachtet. Und erst recht bei diesem Preis, mit dem herausragende Nachwuchsmusiker geehrt werden sollen.

Timothy Ridout: ein würdiger Bezauberer

Timothy Ridout hat sich der Ehrung und des Preisgeldes von 10.000 Euro nicht nur bei seinem Symphoniker-Debüt 2018 als würdig erwiesen, er bezaubert die Anwesenden auch an diesem Morgen. Ganz frei im Ton und im Ausdruck singt er auf seiner phänomenalen, rund 450 Jahre alten Bratsche von Peregerino di Zanetto Max Bruchs Romanze F-Dur und beglaubigt den hohen Ton, in dem die Jury ihre Preisentscheidung begründet.

Die große Sopranistin Dame Felicity Lott – auch sie Britin, wie könnte es anders sein – trägt den Text in distinguiertestem Englisch vor, und man möchte hinter jeden einzelnen Aspekt einen Haken machen: einzigartige Musikerpersönlichkeit, Virtuosität, Wärme des Tons, Ausdruckskraft – und auch die Breite seines Repertoires stellt der Preisträger sogleich unter Beweis:

Als Zugabe spielt er erst ein Capriccio für Solobratsche, das der französische Geigenvirtuose Henri ­Vieuxtemps seinen Kollegen von der tieferen Fraktion zugestand, ein wiederum gesangliches, romantisch empfundenes und zugleich hintergründig virtuoses Stück, und dann den gefürchteten vierten Satz aus der Solo­sonate von Paul Hindemith, vielsagend überschrieben: „Rasendes Zeitmaß. Wild. Tonschönheit ist Nebensache.“