Kritik

Starkes Tanztheater mit klinisch-kühler Ästhetik

Eine Szene aus Sasha Waltz’ „Rauschen“.

Eine Szene aus Sasha Waltz’ „Rauschen“.

Foto: Julian Röder

Sasha Waltz & Guests gastieren mit ihrem aktuellen Stück „Rauschen“ auf Kampnagel. Thema ist die Digitalisierung.

Hamburg. Es sind keine einfachen Tage für Sasha Waltz. Die Berliner Choreografin ist in einem Schwebezustand, seit es ihren Leitungspartner Johannes Öhman von der Intendanz des Staatsballettes zurück in die schwedische Heimat zog. Völlig überraschend und nach nur fünf Monaten der ersten gemeinsam programmierten Saison. Nun fragen sich alle, wirft auch Waltz hin? Und wenn sie doch weitermacht, mit wem? Schon jetzt muss sie sich einiges anhören. Die eigene Kompanie sei ihr wichtiger, so einer der Vorwürfe. Das Ballettensemble war von der Entscheidung der Kulturpolitik für Waltz ohnehin nie besonders angetan. Der Ausgang ist derzeit offen. Waltz hat sich Bedenkzeit erbeten.

Einstweilen präsentiert sie auf Kamp­nagel ihr aktuelles Stück „Rauschen“. Der von Thomas Schenk und Sasha Waltz gebaute, gänzlich weiß ausgekleidete Bühnenraum mit dem lebendigen Lichtdesign von David Finn wirkt fast klinisch, abweisend. Gitarrenklänge aus dem „Weißen Album“ der Beatles erklingen. Lieblich, hippiesk. Die Tänzerinnen und Tänzer sind überwiegend in unschuldiges Weiß gehüllt, einige schwarze Schafe finden sich aber auch darunter. Die Bewegungen sprechen eine andere, gar nicht hippieske Sprache. Schnell wird deutlich, es geht um die Durchdringung aller Lebensbereiche durch das Digitale in einer immer rasanteren Welt. Die Folgen lassen sich an den Körpern studieren, die vergebens nach Nähe suchen.

Wie vereinzelte Atome bewegen die Tänzer sich im Raum

Der Abend ist dreigeteilt. Nach dem verrätselten Beginn, der sehr viel artikulierten Text enthält, was dem Tanz eher selten gut bekommt, folgen ritualisierte Bewegungen zu einer maschinellen Klangkulisse. Die Bewegungen werden ausladender, dramatischer, kämpferischer. Als verteidigten sich die Tanzenden gegen einen unsichtbaren Gegner. Auch in den Zweier- und Dreierkonstellationen ist viel Sehnsucht spürbar, aber echte Begegnung findet nicht statt. Wie vereinzelte Atome bewegen die Tänzer sich im Raum. Es steckt dann auch etwas Pina Bausch in dem Abend, wenn ein Tänzer in eine Matratzenhülle aus Plastik kriecht und von zwei anderen darin verpackt wird. Zu zweit und zu dritt werden Miniaturen erzählt. Bis am Ende das sterile Weiß stellenweise von Phrasen wie „Alive“, „Now“ oder „Gods“ in schwarzer Sprühfarbe verborgen ist.

Der dritte Teil ist archaischer, reiner Tanz. Da fliegen nicht nur die nun offenen Haare, auch die schwarzen schweren Röcke der Tänzerinnen kommentieren jede der ausladenden Bewegungen lautstark, dass es fast wie Protest klingt. Die entblößten Brüste der Tänzerinnen geben ihnen etwas beinahe Spirituelles.

Ein kritischer Blick auf die Segnungen des Digitalen

Der Abend wirft einen kritischen Blick auf die Segnungen des Digitalen. Auf das Verlieren in künstlichen „Schein“-Welten, auf die Folgen für das Seelenleben wie Depressionen, Einsamkeit, Auflösung gesellschaftlicher Bindungen. Es ist eine zutiefst düstere Anrufung des Humanen, die Waltz zele­briert, gegen übersteigerte Egos in Zeiten der Individualisierung und den Verlust echter Nähe und Sinnhaftigkeit. Ein sehr gegenwärtiges Tema, für das Sasha Waltz Bilder von klinisch kühler Ästhetik findet. „Rauschen“ ist vielleicht nicht so überwältigend wie andere ihrer Arbeiten. Sie ist ernster, kälter, heutiger. Manche Bilder verlieren sich im Überdeutlichen, Zeichenhaften. Die Tänzerinnen und Tänzer aber sind erneut fantastisch in ihrer Akkuratesse. Die reinste Freude. Ein Abend, der wohl niemanden unberührt lässt.

Sasha Waltz & Guests: „Rauschen“ Sa 1.2./So 2.2., jew. 20.00, Kampnagel, Jarrestraße 20-24, (ausverkauft), evtl. Restkarten an der AK