Theaterkritik

Minimaltheater, das zur wilden Fiesta wird

Theater aus Mexiko: „Andares“ in der Gaußstraße.

Theater aus Mexiko: „Andares“ in der Gaußstraße.

Foto: Manu Peralta

Bei den Lessingtagen war die mexikanische Produktion „Andares“ zu erleben. Armes Theater, das auf sparsame Mittel setzt.

Hamburg. Bühne kann man das eigentlich nicht nennen. In der Garage des Thalia in der Gaußstraße knien drei junge Männer auf einem Teppich, Raymundo Pavón Lozano spielt Gitarre. Und dann beginnen sie zu erzählen: eine Schöpfungsgeschichte. Dorfalltag. Wie die Maya-Sprache im mexikanischen Bundesstaat Veracruz vom Spanischen verdrängt wird. Lozano singt: „Nie werde ich vergessen, wie sehr ich mein Land liebe.“ Und Lupe De La Cruz verwandelt sich vom Jungen in eine schöne Frau.

„Andares“ („Pfade“), inszeniert von Héctor Flores für das Makuyeika Colectivo Teatral, ist Teil des Mexiko-Schwerpunkts bei den diesjährigen Lessingtagen am Thalia: armes Theater, das auf sparsame Mittel setzt und so eine Unmittelbarkeit beim Publikum erzeugt. Zumindest wenn das Publikum des Spanischen mächtig ist. Bei der Aufführung am Donnerstag in der Gaußstraße allerdings erweist sich Flores’ Fixierung aufs gesprochene Wort als Problem: Als Zuschauer starrt man mehr auf die Übertitelung als auf die Bühne und verpasst dadurch die wichtige Unterscheidung der Sprachen in der Originalfassung. Ob die Darsteller jetzt Spanisch sprechen oder aber die indigenen Sprachen Maya, Zaptekisch, Tzotzil und Wixaria, ist wichtig für „Andares“; auf den Übertiteln jedoch steht alles einheitlich Deutsch (und Englisch).

Plötzlich schlägt ein überraschend böser Humor durch

Zudem bekommt man so die beeindruckende Performance nur am Rande mit. Was den (nur gut eine Stunde kurzen) Abend ein wenig trocken erscheinen lässt: Auf der Inhaltsebene passiert wenig, und wenn man nicht sieht, wie das Quartett dieses Wenige in sprühendes Minimaltheater verwandelt, bleiben gerade mal Schlaglichter aus der mexikanischen Provinz. Mal mittels Songs, mal mittels Publikumsansprache: „Mit wie viel Frauen hast du vergangenes Jahr geschlafen?“, fragt Domingo Mijangas unvermittelt, und bevor man weiß, was man antworten soll, macht das Grinsen des Performers jede Antwort überflüssig.

Immerhin, in der zweiten Hälfte verlagert sich das Stück von der reinen Erzählung in eine exzessive Fiesta. In einer bukolischen Stimmung entladen sich in Gewalt und Wut, und plötzlich schlägt ein überraschend böser Humor durch: Die hier beschrittenen „Pfade“ führen nicht nur in eine sentimental erinnerte Heimat, sondern auch in die Gegenwart, in der eine böse Witzfigur das Nachbarland regiert. Das sind keine schlichten Dorfbewohner, das sind Figuren aus dem Hier und Jetzt, die sich durch Kunst, Tradition und Leidenschaft ihrer selbst vergewissern. „Ich bin nicht ein Niemand“, heißt es an einer Stelle, „Ich bin ich.“