Theaterkritik

"Die Entdeckung des Himmels" lässt das Publikum kalt

Tobias Dürr und Franz-Joseph Dieken in der „Entdeckung des Himmels“.

Tobias Dürr und Franz-Joseph Dieken in der „Entdeckung des Himmels“.

Foto: G2 Baraniak

Am Altonaer Theater wird der Roman von Harry Mulisch inszeniert. Doch wer nicht glaubt, hat vermutlich nicht viel zu lachen.

Hamburg.  Ein Katholikenwitz: Moses steigt vom Berg Sinai hinab und wird vom Volk Israel schon sehnsüchtig erwartet. „Ich bringe eine gute Nachricht und eine schlechte“, sagt er. „Die gute: Ich hab’ ihn runter auf zehn. Und die schlechte: Ehebruch ist immer noch dabei.“ Guter Witz. Der ein bisschen das Problem hat, dass man schon gläubig sein muss, um über ihn lachen zu können. Zumindest sollte man irgendeinen Bezug zu den Zehn Geboten haben.

So ähnlich ist es auch mit Harry Mulischs 1992 erschienenem Roman „Die Entdeckung des Himmels“: Der niederländische Starautor verhandelt hier theologische Fragen aus einer religionsskeptischen Perspektive und spinnt um diese eine teils hanebüchene Abenteuergeschichte bei der die Zehn Gebote einen Vertrag zwischen Gott und Menschen darstellen, den der Schöpfer angesichts des katastrophalen 20. Jahrhunderts aufkündigen möchte. Für kritische Gläubige mag das ein intellektuelles Vergnügen sein, wer allerdings mit Glauben nichts anfangen kann, den irritiert der 900-Seiten-Wälzer zunehmend. Engel schubsen die Menschen rum? Ein Erlöser wird geboren? Und die Handlung springt von Amsterdam über das sozialistische Kuba und Rom nach Jerusalem? Was zum Teufel...?

Axel Schneider bringt verkürzte Version auf die Bühne

Vergangenen November wuchtete Matthias Hartmann den Stoff in einer Vier-Stunden-Fassung auf die Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses (was, so die Kritik, insbesondere am Ende lang wurde). Axel Schneider hat sich am Altonaer Theater für eine deutlich reduzierte Version entschieden: „Die Entdeckung des Himmels“ ist bei ihm im Grunde auf die drei Figuren (Tobias Dürr als jungdynamischer Max, Franz-Joseph Dieken als linksintellektueller Onno, Johan Richter als irgendwie beider Sohn Quinten) eingedampft, die wie Marionetten von zwei Engeln (Nadja Wünsche und Sandra Quadflieg als Sachbearbeiterinnen des Himmels) durch die Handlung geführt werden. Beziehungsweise: manipuliert werden. Der göttliche Plan (der sich, wie sich am Ende rausstellt, so göttlich gar nicht ist) wird weder von den Protagonisten noch vom Publikum so richtig verstanden. Muss auch nicht, das macht die Göttlichkeit ja aus.

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So sparsam wie das Personal sind auch die Bühnenmittel eingesetzt: Agiert wird vor einer Videowand, die mal einen flirrenden Nachthimmel zeigt, mal Kartenausschnitte zur Verdeutlichung der Ortswechsel, mal Verweise auf die Bildende Kunst, was die Kunstreligion anspricht, der Quinten irgendwann zuneigt (Ausstattung: Ricarda Lutz). Verschiebbare Raumteiler ermöglichen dazu elegante Auf- und Abgänge sowie die Abgrenzungen der teilweise sehr kurzen Szenen voneinander. Heißt: Diese „Entdeckung des Himmels“ kommt daher als abstrakte Übung in Regietheater. Warum auch nicht?

Der sanfte Humor geht weitgehend verloren

Mit Schneiders ansonsten klugen Kürzungen geht Mulischs sanfter Humor weitgehend verloren – das ist ein wenig schade. Was bleibt: die Actionstory, in der Quinten nachts in eine römische Kapelle einbricht um dort nach der Bundeslade zu suchen. Weswegen diese allerdings überhaupt gesucht wird, vermittelt die Inszenierung nicht. Wer also nicht glaubt, der sieht eine durchaus eigenständige Regieleistung, die handwerklich tadellos über die Bühne schnurrt. Und die ihn dennoch verhältnismäßig kalt lässt. Schade.

„Die Entdeckung des Himmels“ wieder am 22. 1., 19 Uhr, 24. und 25. 1., 20 Uhr, 26 .1., 19 Uhr, 28. 1., 20 Uhr, 29. 1., 19 Uhr, 30. und 31. 1., 20 Uhr, Altonaer Theater, Museumstraße 17, Tickets unter 39905870, www.altonaer-theater.de