Premiere

Ein Flüchtling mischt die Ohnsorg-WG auf

Fünfer-WG: Doro (Birte Kretschmer), Benny (Anton Pleva), Jonas (Marco Reimers ) Anna (Norhild Reinicke) und Hauptmieterin Sophe (Birthe Gerken, v.l.) beim Tischgespräch.

Fünfer-WG: Doro (Birte Kretschmer), Benny (Anton Pleva), Jonas (Marco Reimers ) Anna (Norhild Reinicke) und Hauptmieterin Sophe (Birthe Gerken, v.l.) beim Tischgespräch.

Foto: Oliver Fantitsch

Plattdeutsche Erstaufführung „Willkamen – Willkommen“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz überzeugt im Ohnsorg als bissige Komödie.

Hamburg. Im Jahr 2017 wohnten in Deutschland fast fünf Millionen Menschen in Wohngemeinschaften. Eine Statistik, die erstaunt. In Großstädten sind es heute nicht mehr nur die klassischen Studenten-WGs, oft auch sogenannte Business-WGs von und mit Berufstätigen. Zur Erinnerung: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es hierzulande aufgrund der Zerstörung zunächst WGs für Vertriebene und Flüchtlinge.

Längst nicht alle waren willkommen, auch nicht in Hamburg. „Willkommen“ haben Lutz Hübner, mit seiner Autorenpartnerin Sarah Nemitz über die deutschen Grenzen hinaus einer der meistgespielten Gegenwartsdramatiker, ihre 2017 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführte Komödie genannt.

Regie führte damals Sönke Wortmann. Als erste Hamburger Bühne hat sich nun das Ohnsorg-Theater des heiklen Stoffes über eine WG angenommen, in der ein Flüchtling wohnen soll. „Willkamen“ feierte am Sonntagabend eine mit langem und ehrlichem Applaus bedachte plattdeutsche Erstaufführung.

Von Hübner und Nemitz stammt „Frau Müller muss weg“

Ebenfalls erstaunlich: Obwohl das neue Ohnsorg-Stück im Gegensatz zu einigen vorigen zeitgenössischen diesmal komplett op Platt spielt, lässt sich dem wortlastigen Geschehen gut folgen. Das Duo Hübner/Nemitz ist in Hamburg bekannt für seine hintersinnig-bissige Dialogmaschine: Die Lehrer-Eltern-Groteske „Frau Müller muss weg“ und die Arbeitswelt-Farce „Die Firma dankt“ waren im früheren Winterhuder Theater Kontraste Langzeit-Erfolge, bevor diese fürs Kino respektive das ARD-Fernsehen verfilmt wurden; im vorigen Frühjahr hatte Hübners und Nemitz’ Sozialdrama „Furor“ im Thalia Gaußstraße Premiere.

Im Ohnsorg wird das Publikum dank Harald Weilers punktgenauer Regie und Manfred Hinrichs gelungener plattdeutscher Bearbeitung Ohren- und Augenzeuge eines WG-Plenums. Hier, auf gut 200 Quadratmeter Altbau mit schöner heller Wohnküche (Bühne und Kostüme: Lars Peter), pflegen die fünf Bewohner ein Miteinander. Oder doch nur ein Nebeneinander wie mehr und mehr auch in unserer Ich-Gesellschaft?

Ein Flüchtling in der WG? Betretenes Schweigen

Das Schöne ist: In dem treffend besetzten und glaubwürdig agierenden Ensemble spiegeln sich grundverschiedene Typen und Ansichten. Anglistikdozent Benny, von Anton Pleva als sanfter Idealist fein gezeichnet, löst mit seiner Ankündigung, für ein Jahr in die USA zu gehen, nicht nur Freude aus. Er schlägt vor, sein Zimmer für diese Zeit Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Das Echo? Betretenes Schweigen. Später wackeln die Wände. Schließlich bedrohen die möglichen neuen Mitbewohner die Komfortzone der anderen.

Wie das Thema Umgang mit Geflüchteten verhandelt wird, entbehrt auch hier nicht der Hübner und Nemitz typischen Ironie. Sichtbarer Ausdruck dessen ist die Figur Jonas: „Is dat nich ‘n beten eng för ‘n ganze Familie?“, fragt er in Sorge vor lauten Kindern. Marco Reimers spielt ihn mit Schnauzbart komisch überzeichnet als Betriebswirt, der bei der Bank noch in der Probezeit steckt, ansonsten aber vor allem an Bier und Tischtennis interessiert ist.

Doro, WG-Älteste, Verwaltungsangestellte und Flüchtlingen gegenüber bisher hilfsbereit, überrascht Jonas und Co. nicht nur mit ihrer Abneigung gegen Schnauzbartträger, sie positioniert sich als Erste gegen neue Mitbewohner, „wiel ik arabisch Mannslüüd nicht utstahn kann“. Birte Kretschmer nimmt man als Mutter der Kompanie selbst das ab.. Ihre Aussagen indes stoßen bei Sophie auf heftige Widerworte. Birthe Gerken pendelt als freiberufliche, aber erfolglose Fotografin (aktuelle Ausstellung: „Leere Fenster in Schwarz-Weiß in Norderstedt“) zwischen Abneigung und Empathie.

Sie zeigt die komplette Gefühlsbandbreite, ist von der Idee ihres bisexuellen Ex-Freundes Benny angetan, droht als WG-Hauptmieterin den anderen aber sogar mit Kündigung.

Das WG-Casting: „Achmed oder Flüchtlinge?“

Da hat das WG-Küken Anna, von Ohnsorg-Debütantin Norhild Reinicke überzeugend als Studentin der Sozialpädagogik verkörpert, ihren Mitbewohnern längst den Grund ihrer Schweigsamkeit erklärt: Sie ist schwanger und würde gern mit dem Kindsvater zusammenziehen – am besten mit dem frei werdenden Zimmer. Ihr Freund Achmed ist Chef einer Fahrradwerkstatt in Billstedt und gebürtiger Türke.. „Achmed un Anna, dat klingt wie ein politisch korrektes Kinderbuch“, spottet Jonas.

Doch Achmed – der forsch auftretende Achmed Ole Bielfeldt ist ebenfalls ein Ohnsorg-Neuling – benutzt flapsig den Ausdruck „Kanake“ und pflegt in seinem Laden das Prinzip „Struktur durch Anschiss“.

„Achmed oder Flüchtlinge?“, heißt es letztlich beim WG-Casting. Und so dient die WG auch als Mikrokosmos, in der Vorurteile und Berührungsängste in der Gesellschaft zum Vorschein kommen. Die Harmonie ist dahin, ebenso die Diskussionskultur, da hilft auch keine flache WG-Hierarchie. In diesem Sinn ist „Willkamen“ ein theatraler Debattenbeitrag, ein komischer. Eine Lösung bieten kann er nicht.

„Willkamen – Willkommen“ wieder Di 14.1,, 19.30, bis 29.2., Ohnsorg-Theater (U/S Hbf.), Heidi-Kabel-Platz 1, Karten zu 23,52 bis 35,84 unter T. 35 08 03 21; www.ohnsorg.de