Konzerttalk

Ohne Löhne keine Töne – wenn Musiker beim Auftritt streiken

Der Resonanzraum im Bunker am Heiligengeistfeld.

Der Resonanzraum im Bunker am Heiligengeistfeld.

Foto: Klaus Bodig / Funke Foto Services

„My Day Off On“ im Resonanzraum bot einen virtuosen und schmerzhaften Rundumschlag durch die Absurditäten der Arbeitswelt.

Hamburg.  Die Talkmasterin lädt ein: eine Gewerkschafterin. Einen Arbeitslosen. Eine Unternehmerin. Einen Wissenschaftler. Thema der Show ist die Zukunft der Arbeit, da lässt sich trefflich drüber streiten. Aber statt Streit hört man Stanzen. „Selbstausbeutung ist auch Ausbeutung“, ruft einer, „Das Hamsterrad ist nichts anderes als ein Spaß- und Spielgerät für Hamster“, jemand anders, und immer wieder grätscht ein harter Rhythmus dazwischen: „Wachstum! Wachstum! Wachstum!“

„My Day Off On“ von Jens Bluhm (Konzept, Regie, Video) und Felix Stachelhaus (Konzept, Komposition, Live-Elektronik) nennt sich „Konzerttalk“. Genau genommen ist die Produktion, die das Clab-Festival für neue Konzertideen im Resonanzraum beschließt, ein szenisches Konzert, bei dem ein fünfköpfiges Instrumentalensemble gemeinsam mit einer Sprecherin (Lisa Hofer) sowie Video- und Elektronikunterstützung das Thema Arbeit durchkaut, über sechs Sätze und mehrere Zwischenspiele von eingängigem Jazz bis zu disharmonischen und arhythmischen Neue-Musik-Klängen.

Und als Stachelhaus einmal gar nichts einfällt, entscheidet er sich fürs Outsourcing der Komponistentätigkeit – und beauftragt das Startup audiohub.de mit einer kleinen, fröhlichen Melodie. Super. Ausbeuterisch.

"Ist Musizieren dann überhaupt noch Arbeit?"

Denn natürlich heißt Outsourcing, dass sich immer jemand findet, der es billiger macht. 14.628 Euro vor Steuern verdient ein freier Musiker durchschnittlich pro Jahr, heißt es an einer Stelle. Leben kann der von seiner Arbeit nicht. „Ist Musizieren dann überhaupt Arbeit?“, fragt Hofer, und, klar, „Das wird man ja wohl noch fragen dürfen!“ Aber ist dann das Startup, das „Diätwasser“ vermarktet, Arbeit? „Kein Zucker, keine Kalorien, kein Fett – nur Wasser!“ Oder die Produzenten einer recyclebaren „Kiwi-To-Go-Box“? Braucht das jemand? Macht das Spaß? Kommt da wenigstens was bei rum?

„My Day Off On“ entpuppt sich hier als so unterhaltsamer wie musikalisch interessanter Rundumschlag durch die Absurditäten des Start-up-Daseins. Humor, Selbstironie und Virtuosität lassen dabei fast vergessen, dass Bluhm und Stachelhaus an eine schmerzhafte Realität rühren – an die Frage, was uns Arbeit eigentlich wert ist, wenn ihr wertschöpfender Charakter nicht sofort einleuchtet.

Am Ende streiken die Musiker: Nacheinander legen Robert Muschawek, Alejandro Orozco Hincapié, Romain Felis und Kristin Kuldkepp Fagott, Trompete, Bratsche und Bass beiseite, nur Daniel Rheinbay bleibt hinter seinem Drumkit sitzen. Transparente werden geschwenkt: „Ohne Löhne keine Töne“. Ein unangenehmes Gefühl beschleicht einen beim Gedanken, dass die Antwort auf diesen Streik auch heißen könnte: „Dann eben keine Töne!“ Und plötzlich bekommt der lustige, originelle, kluge Abend einen ziemlich beunruhigenden Unterton.