Theaterkritik

Mit viel Spott: Heines Ironie im deutschen Mythenwald

Kammerspiele-Leiter Sewan Latchinian in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ im Logensaal

Kammerspiele-Leiter Sewan Latchinian in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ im Logensaal

Foto: Steffen Rasche

Böse, klug, verspielt: Sewan Latchinian ist mit „Deutschland. Ein Wintermärchen“ an den Hamburger Kammerspielen angekommen.

Hamburg.  „Ade, Paris, du teure Stadt“, verabschiedet der Reisende. Er wird Frau und Freunde zurücklassen, er wird die freie Rede und das gute Essen zurücklassen, aber es hilft nichts: Er hat Heimweh, nach den Jahren im Exil. Nach Sauerkraut und fetter Wurst. Und nach der alten Mutter in Hamburg. Noch einmal ruft er ins Treppenhaus, dass die zurückgelassene Geliebte seine Qual nicht fassen könne, aber bald sei er ja zurück. Schließlich verspricht er beiläufig schöne Weihnachtsgeschenke, da wird schon klar: Der Trennungsschmerz ist nur vorgeschoben, wichtiger ist die Vorfreude. Und dann dreht er sich zum Publikum. Jetzt ist er da, ganz präsent. Deutschland.

Als Sewan Latchinian im Frühjahr als künstlerischer Leiter der Hamburger Kammerspiele vorgestellt wurde, galt das als Coup von Intendant Axel Schneider: Latchinian, der 2005 in Senftenberg immerhin das Theater des Jahres leitete und zuletzt als Intendant in Rostock mit einem mutigen, provokanten Spielplan aneckte, ist einer der umstrittensten Bühnenkünstler des Landes, ein hochkreativer, politischer, vor allem aber ziemlich eigener Kopf. Seine ersten Premieren an den Kammerspielen jedoch erfüllten die geweckten Erwartungen nicht; im Grunde waren „Nein zum Geld“ und „Ich bin nicht Rappaport“ vor allem gute Unterhaltung. Was nicht schlecht ist, aber es ist etwas, für das die Kammerspiele schon lange stehen, eine eigene Handschrift des 1961 in Leipzig geborenen Regisseurs und Schauspielers erkannte man bis dahin keine.

Wintermärchen trieft vor Spott

Die folgt jetzt mit der Dramatisierung von Heinrich Heines satirischem Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“, einer winzigen Produktion im Logensaal. Beschrieben wird die Reise eines exilierten Dichters von Aachen über Köln, Hagen und Hannover nach Hamburg. Überall begegnen ihm Untertanengeist, Kleinmut, dumpfe Religiosität und Militarismus – und doch liebt der Protagonist dieses schlammige, verregnete Land. Das ihn freilich nicht zurückliebt: Der Spott, der aus jeder Zeile des „Wintermärchens“ trieft, nährt sich aus verschmähter Liebe.

Latchinian spricht diesen zwischen politischer Hellsichtigkeit, sentimentaler Emotionalität und sanftem Humor tanzenden Text als Monolog, während er langsam um die Zuschauer wandert, begleitet vom Multiinstrumentalisten-Trio Wallahalla. Was den Vortrag mal in einen Talking Blues verwandelt, mal einen schrägen Flow erzeugt und mal das Geschehen ironisch kommentiert. Schlaglichtartig reißen die Musiker Bernd Dölle, Uli Elsässer und Hannes Schindler Rollen an, die preußischen Soldaten in Aachen etwa („das hölzern pedantische Volk“), Vater Rhein, die Mutter, die den Reisenden mit politischen Fragen löchert.

Das Versepos schillert

Meist aber bleibt das Stück konzentriert auf Latchinian, der sich leidenschaftlich in den ironischen Text wirft – und seine Leidenschaft dabei selbst zur Ironie macht. Das ist das Schöne am „Wintermärchen“: Das Versepos schillert, man weiß nie so recht, ob man das Geschilderte nun als Spott verstehen soll oder als tödlichen Ernst. Und weil Latchinian ein begnadeter Schauspieler ist, schillert auch seine Performance. „Das ist der Teutoburger Wald!“, behauptet er, aber er steht auf einer nackten Bühne, und als Requisit hat er gerade mal ein Tütchen Erde bei sich. „Das ist der klassische Morast / wo Varus steckengeblieben“, und natürlich glaubt man ihm den deutschen Mythenwald. Heines Ironie ist immer auch Erzähllust, Spiel mit der Behauptung, und dieses Spiel wird hier mit Freude nachgespielt.

Nach nicht einmal einer Stunde ist das kurze, schöne Stück zu Ende. Latchinian hat fast das gesamte „Wintermärchen“ nacherzählt, sanft gekürzt. Vollkommen verzichtet wird nur auf den Schluss – der Abend endet damit, dass die Hamburgische Schutzpatronin Hammonia dem Reisenden einen Blick die Zukunft Deutschlands gestattet. Allerdings liegt die Zukunft im Nachttopf Karls des Großen – und was da zu sehen (und vor allem zu riechen) ist, lässt nichts Gutes erahnen. Für die Zukunft der Hamburger Kammerspiele aber verspricht Latchinian mit diesem verspielten, bösen, klugen „Wintermärchen“ nur das Beste.

„Deutschland. Ein Wintermärchen“ Wieder am 15. 11. (ausverkauft), Hamburger Kammerspiele (Logensaal), Hartungstraße 9–11, Tickets unter 4133440; www.hamburger-kammerspiele.de