Premiere in Hamburg

"Pretty Woman": Große Gefühle – mit Startschwierigkeiten

Patricia Meeden als Vivian und Mark Seibert als Edward bei "Pretty Woman" auf der Bühne in Hamburg

Patricia Meeden als Vivian und Mark Seibert als Edward bei "Pretty Woman" auf der Bühne in Hamburg

Foto: Morris Mac Matzen/Stage Entertainment/dpa

Die Musicalfassung der Filmromanze feierte Europa-Premiere: Origineller Start, doch dann ebbte die Stimmung erst einmal ab.

Hamburg.  Frauen mit Miniröcken und schwarzen Overknee-Stiefeln sah man am Musical-Boulevard von Bord steigen und schnurstracks zu den bereits gefüllten Sektgläsern an der Bar stöckeln. Und fast fühlte man sich ins Jahr 1990 zurückversetzt, als lang gelockte Mähnen in waren, die Säume nicht kurz genug sein und Teenager unbehelligt den graumelierten Richard Gere anhimmeln konnten. Kurz: als die #Metoo-Debatte noch Lichtjahre entfernt schien und nur deshalb eine kitschige, zumindest damals in den Augen der Zuschauer noch völlig unanrüchige Liebeskomödie wie „Pretty Woman“ zum meist gesehenen Kinofilm des Jahres avancieren konnte.

Heute sei es ja unvorstellbar, sagte ein Besucher des Stage Theaters an der Elbe, einen Film zu drehen, in dem ein reicher weißer Geschäftsmann ein gefallenes Mädchen aus der Gosse pickt und sie für ihre Liebesdienste frei kauft. Nicht unvorstellbar ist, aus diesem Stoff ein kommerziell erfolgversprechendes Musical zu machen. In New York läuft „Pretty Woman“ von Hollywood-Regisseur Garry Marshall seit einem Jahr am Broadway. In Hamburg feierte das Stück am Sonntagabend Europa-Premiere.

Synchronstimme von Julia Roberts mahnt

Der Look, der aus der Zeit gefallen scheint, zollt natürlich Schauspielerin Julia Roberts Tribut, die in Jeans-Mini, Lackstiefeln und mit blonder Perücke die Prostituierte Vivian Ward gab und deren Synchronstimme an diesem Abend aus den Lautsprechern tönt, um die Gäste im Saal daran zu erinnern, die Handys, „diese kleinen Scheißerchen“, jetzt doch bitte auszuschalten.

Was originell startet, ebbt stimmungsmäßig allerdings mit den ersten Rhythmen ab, denn natürlich wurden die Texte aus der amerikanischen Fassung ins Deutsche übersetzt. Längst vorbei die Zeiten, in denen man Besuchern originale Texte zumutete. Zwar gaben sich die Darstellerinnen und Darsteller große Mühe, die von Bryan Adams und Jim Vallance beigesteuerten mal rockigen, mal schmusigen Songs mit Inbrunst vorzutragen. Doch im ersten Teil wollte das nicht so recht gelingen. So holperte sich Mark Seibert als Edward Lewis durch sein erstes Schmachtlied „Sie hat was Besondres“.

Voll im Film war man beim Bühnenbild: Das schäbige Apartment, das sich Vivian mit ihrer Freundin Kit De Luca in Beverly Hills „für 300 Mäuse im Monat“ teilt, führt ins Stück ein. Kit, überzeugend gespielt und gesungen von Maricel, ermutigt Vivian, sich den reichen Schnösel Edward zu angeln, der sich auf den Straßenstrich verirrt hat. Die fährt seinen Sportwagen kurzerhand ins Luxushotel Beverly Wilshire, wo das ungleiche Paar bei Erdbeeren und Champagner seine erste gemeinsame Nacht verbringt. Der Fortlauf der Geschichte ist bekannt, inklusive Vivians Wandlung zur edel gestylten Cinderella.

Hauptdarsteller begegnen einander auf Augenhöhe

Und doch hat sich das Musical von seiner Vorlage emanzipiert. Denn Patricia Meeden und Mark Seibert begegnen sich auf Augenhöhe – nicht nur in ihrer Stimmgewalt, auch in charmanten Wortgefechten, was definitiv als Anpassung an eine veränderte gesellschaftliche Realität verstanden werden kann. Dass sich die Schauspieler schon aus früheren Produktionen kennen und wohl auch mögen, war an vielen Stellen zu spüren, etwa in der wunderschön gesungenen Opernszene von „La Traviata“. Insgesamt nahm das Stück nach der Pause an Fahrt auf, spielten und sangen sich die Akteure buchstäblich frei.

Heimlicher Star des Abends war der Schauspieler Paul Kribbe, der die Rolle des Hotelchefs Barney Thompson mit feiner Ironie ausfüllte. Als er Vivian einen Crashkurs im Standardtanz geben will, verfällt er kurzerhand in ein herrlich komisches Pas de Deux mit dem Portier Giulio (Johnny Galeandro). Nach einem Streit ist es Thompson, der Edward zu Vivian führt; er weiß: „Die Liebe, die wir senden, kann hier happy enden.“

Ja, man kann, ebenso wie „Pretty Woman“-Produzentin Paula Wagner, die sich in der US-Medienindustrie für Geschlechterparität einsetzt und zuletzt das feministische Stück „Out Of Our Father’s House“ auf die Bühne brachte, alle ethischen Bedenken beiseite lassen und zweieinhalb Stunden die 90er auferstehen lassen. Und beim Finale zum titelgebenden Roy-Orbison-Hit begeistert mitklatschen. Denn nichts anderes ist Musical doch: eine kleine, im besten Fall unterhaltsame Flucht aus der Realität.

„Pretty Woman“ Stage Theater an der Elbe (Fähre 73 ab Landungsbrücken), Norderelbstr. 8, täglich außer Di, Karten ab 49,90 Euro unter T. 01805/4444