Theaterkritik

"Stalker" erstmals auf der Bühne: Immerhin nicht gelangweilt

„Stalker – Picknick am Wegesrand“ im Malersaal des Schauspielhauses.

„Stalker – Picknick am Wegesrand“ im Malersaal des Schauspielhauses.

Foto: Marcel Urlaub

Premiere im Malersaal: „Stalker – Picknick am Wegesrand“ ist so kurz wie kurzweilig, bietet aber nur wenig gedanklichen Nährwert.

Hamburg.  „Sie sind solch eine interessante Reisegruppe!“, freut sich die Schauspielerin (Maria Walser). Und sie hat recht. Ein Optimist (Matti Krause), ein Skeptiker (Jonas Hien) und ein Glücksritter (Maximilian Scheidt) haben sich gemeinsam mit ihr auf den Weg gemacht: Das ist eine Gruppe, die Stoff für – sagen wir – eine saftige Boulevardkomödie hergeben würde. Bloß dass „Stalker – Picknick am Wegesrand“ keine Boulevardkomödie ist. „Worum geht es in ihrem Stück?“, wird die Schauspielerin gefragt, und die weiß: „Heutzutage geht es auf allen Bühnen immer nur um das Ende der Welt.“

„Picknick am Wegesrand“, ein 1971 erschienener Science-Fiction-Roman der Gebrüder Arkadi und Boris Strugatzki, verhandelt zwar das Ende der Welt nur mittelbar, rührt aber doch an die ganz großen Fragen: Außerirdische haben unbemerkt die Erde besucht und eine Zone voller geheimnisvoller, teils gefährlicher, teils immens wertvoller Artefakte zurückgelassen. Die wertvollste Hinterlassenschaft soll ihrem Finder den tiefsten Wunsch erfüllen, will aber erst einmal erreicht werden.

Mit dem Stalker ins Zentrum der Zone

Die Zone wurde nach mehreren tödlichen Unfällen abgeriegelt, allerdings versuchen immer wieder Besucher, die Sperren zu überwinden und nehmen dafür die Dienste ortskundiger Führer, sogenannter „Stalker“, in Anspruch. Aber sollte man tatsächlich ins Zentrum der Zone vorzudringen – will man dann wirklich seinen tiefsten Wunsch erfüllt bekommen? Insbesondere, wenn man vorab gar nicht mit Sicherheit sagen kann, was dieser Wunsch ist?

1979 verfilmte Andrei Tarkowski das dritte Kapitel des Romans unter dem Titel „Stalker“ und beschrieb damals eine Expedition in die Zone als Reise ins Unterbewusste. Auch im Theater wurde das Thema schon hin und wieder bearbeitet, jüngst im Malersaal als Mix aus Buch- und Filmstoff von dem jungen, in Hamburg bislang noch nicht aufgefallenen Regisseur David Czesienski, Teil der Künstlergruppe Prinzip Gonzo.

Gefangen in der Zeitschleife

Czesienski hat einen auf den ersten Blick stimmigen Zugriff gefunden: Die Artefakte verändern wie auch bei den Strugatzkis die Gesetze der Physik, allerdings verändern sie auch die innere Logik des Stücks.

Wer also unter den Einfluss eines Artefakts gerät, verliert das Gleichgewicht, er verliert aber auch seine Rolle. Krause spricht so plötzlich mit fremder Stimme, Walser ist in einer Zeitschleife gefangen, in der ihre Schauspielerin immer wieder von vorn erzählen muss, wovon ihr neues Stück handelt (vom Weltende, haben wir verstanden). Das ist als Regieidee einleuchtend, es führt einen nur nirgendwohin.

Das "Picknick am Wegesrand" gerät zum Slapstick

Czesienski hat augenscheinlich Spaß an szenischen Lösungen für das Nichtzeigbare, allein: All das Remixen, Samplen, Loopen des Stoffs mag interessant aussehen, erreicht aber weder die spannungsgeladene Handlung des Strugatzki-Romans noch die philosophische Tiefe von Tarkowskis Verfilmung.

Selbst der politische Gegenwartsbezug, den das Programmheft mit einem Auszug aus Yuval Noah Hararis „Homo Deus“ andeutet, bleibt Behauptung: Die Idee, dass der Mensch die Macht über sein Schicksal haben könnte, ist angesichts von Syrien-Krise und Klimakatastrophe halbwegs beunruhigend, bei Czesienski aber bleibt von ihr nur ein gut aufgelegtes Ensemble, das sich fröhlich im Slapstick verzettelt, ein Stolpern hier, ein Stottern da.

Immerhin langweilt der Abend nicht

Immerhin langweilt der nur gut eine Stunde dauernde Abend nicht. Außerdem bietet die Ausstattung noch eine Deutung an: Lisette Schürers Bühne lässt Büromöbel, Schreibtische, Aktenschränke in grauer Malersaal-Trostlosigkeit versinken, so dass man irgendwann zu dem Schluss kommt, dass die Zone womöglich der Theaterraum selbst ist und die Realitätsverschiebungen die Theaterpraxis. Klingt interessant, führt dann aber auch nicht weiter.

„Ich würde gerne sehen, wie das alles hier endet“, wünscht sich Hien an einer Stelle, dann ist Schluss. Womit diese Inszenierung so stimmig und so unmotiviert in ihr Finale gestolpert wäre wie der Darsteller in seinen letzten Satz.

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