Konzertkritik

Jazztrompeter Nils Wülker bringt die Seele zum Glitzern

Der Hamburger Trompeter Nils Wülker macht auf der Bühne des Hansa Theaters den Anfang. 

Der Hamburger Trompeter Nils Wülker macht auf der Bühne des Hansa Theaters den Anfang. 

Foto: Oliver Fantitsch

Warmer Sound, plüschiges Haus: Im Hansa Theater ging das erste von mehreren Konzerten des St. George Club über die Bühne.

Hamburg. „Wir haben schon beim Soundcheck gemerkt: Dieser Ort eignet sich sehr gut für Konzerte“, sagt Nils Wülker. Und nicht nur der heftige Applaus des Publikums im Hansa Theater bestärkt seine Ansicht. Auch der Klang an sich gibt dem Jazztrompeter recht. Warm und klar erfüllt sein Spiel den Raum, schmiegt sich an das plüschige Ambiente, um dann wieder coole Volten zu schlagen.

Wülker und seine Band sind die ersten Musiker, die das altehrwürdige Hansa Theater mit einem reinen Konzert bespielen. Dressierte Papageien und beeindruckende Bauchredner, tollkühne Artisten und humorvolle Magier hat das 1893 gegründete Varieté-Theater bereits erlebt. Doch bevor der bunte Budenzauber am 23. September erneut beginnt, lädt das Haus an drei Abenden in den St. George Club, benannt nach der Lage am Steindamm in St. Georg. Soul-Sängerin Miu und Jazz-Chanteuse Céline Rudolph stehen ebenfalls auf dem Programm dieser neuen Konzertreihe.

Die Töne werden förmlich greifbar

„Wir wollen langfristig anschließen an Clubs wie das Ronnie Scott’s in London oder den legendären BB King Blues Club in New York“, erklärt Theaterchef Thomas Collien, der sich so – gemeinsam mit Kompagnon Ulrich Waller – verstärkt an eine etwas jüngere Zielgruppe wenden möchte: an „Musikliebhaber mit Anspruch, St. Georgianer, Szenegänger“.

An diesem Spätsommerabend kommt auf jeden Fall im doppelten Sinn heiße Jazzclub-Atmosphäre auf. Eine Klimaanlage soll das Hansa erst im September bekommen. Und so lässt das schwüle Wetter die Stimmung gemeinsam mit Wülkers eindringlichem Sound hochkochen. Die Töne werden förmlich greifbar in der dampfenden Luft.

500 Fans lauschen andächtig

Wülker spielt zahlreiche Songs seines aktuellen Albums „Decade Live“, mit dem die Band seit einem Jahr auf Tour ist. „Die Stücke entwickeln sich unterwegs weiter, von Konzert zu Konzert“, erklärt der Musiker. Der 42-Jährige ist ein Künstler, der seine Jazzkompositionen weit öffnet. Seine Musik atmet und pulsiert, sie sucht Sicherheit im Rhythmus, um dann immer wieder die Improvisation zu umarmen. Das Leben weht herein – ganz so, wie das Theater seine Türen zur Straße hin aufgerissen hat, um ab und zu eine kühlende Brise willkommen zu heißen.

„Wir wollten qualitativ ein Zeichen setzen und Künstler einladen, bei denen das Zuhören noch im Mittelpunkt steht. Schnörkellos, echt und ehrlich“, sagt Collien über die Auswahl im St. George Club, die der Musikjournalist Stefan Krulle mitgestaltet hat. Und andächtig lauschen, das tun die Jazzfans im ausverkauften Saal mit seinen knapp 500 Sitzen. Denn es gibt viele akustische Details zu entdecken. Im Song „Conquering The Useless“ korrespondiert die Trompete mit dem versierten Spiel von Gitarrist Arne Jansen. „Wanderlust“ wiederum markiert Wülkers Aufbruch hin zu einer Fusion von Jazz, Funk und Hip-Hop. Wobei das Solo von Keyboarder Maik Schott zu einem faszinierenden psychedelischen Fiebertraum gerät.

Ein Song entstand während eines Sonnenaufgangs

Wie intuitiv Wülker an sein Songwriting herangeht, ist in einer Nummer wie „Pull Of The Unknown“ zu erleben. „Ich habe die Melodie geträumt“, erzählt der Musiker. Im kreativ kostbaren Halbschlaf habe er die Atmosphäre des Liedes dann auf dem Aufnahmegerät seines Handys festgehalten. Auch „Dawn“ entstand in solch einem Zustand des Erwachens: während eines Sonnenaufgangs in Los Angeles. Der Song ist ein hell gehauchtes Erkunden, was der Tag und die Zukunft bringen mögen – sanft und zugleich voller Spannung untermalt von Edward Maclean am Kontrabass.

Zeit durchzuatmen, sich im Sessel zurückzulehnen und mit dem wunderbar anachronistischen Schalter am messingverzierten Tisch die Bedienung zu rufen, um ein weiteres kühles Getränk zu ordern. Mit offenem Mund lässt sich dann das Pianosolo in „Safely Falling“ bestaunen, dass sich von fein tollend bis tief grollend durch die Emotionen bewegt. Und als schließlich die Band einsetzt, entfaltet sich eine rauschhafte kollektive Dynamik. Beglückend.

Zart melancholischer Abschluss mit einer Ballade

Immer wieder wischt sich Wülker mit einem Handtuch durchs Gesicht. Klatschnass geschwitzt ist wiederum Schlagzeuger Simon Gattringer, der mit seinem sich beschleunigenden Solo in „Today’s Gravity“ eben jener Schwerkraft zu entkommen scheint.

„Toll, das Hamburg nun einen weiteren Raum für Konzerte hat“, sagt Wülker. Und auch Collien ist optimistisch, was die konzertante Programmerweiterung an diesem geschichtsträchtigen Hamburger Ort betrifft: „Wir gehen stark davon aus, dass es in den nächsten Monaten eine Fortsetzung gibt, wollen aber gern erst einmal diesen ersten Club-Teaser abwarten und dann Bilanz ziehen.“

Nach dem ersten Abend dürfte das Fazit durchaus positiv ausfallen. Mit der Ballade „Stripped“ findet Wülker für die Konzertpremiere einen zart melancholischen Abschluss. In dieser dunkel leuchtenden Stimmung geht es hinaus in die Nacht. Draußen regnet es. Der Bürgersteig glitzert. Und die Seele ebenfalls.

St. George Club mit Céline Rudolph Fr 30.8., 19.30, Hansa Theater, 31,- im Vvk.

Nils Wülker im Duo mit Arne Jansen Do 5.12., 20.00, Kulturkirche Altona, Tickets ab 31,50